{"id":10016,"date":"2026-02-02T11:23:00","date_gmt":"2026-02-02T10:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/?p=10016"},"modified":"2026-01-28T16:42:46","modified_gmt":"2026-01-28T15:42:46","slug":"raisa-ivanovna","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/2026\/02\/02\/raisa-ivanovna\/","title":{"rendered":"Raisa Ivanovna"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Umfeld unserer M\u00f6ckernkiez-Genossenschaft lebten in fr\u00fcheren Zeiten Menschen, an die erinnert werden sollte. Zu ihnen geh\u00f6rt die ukrainische Zwangsarbeiterin Raisa Ivanovna. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zwangsarbeit mit 21 Jahren<\/strong>. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Eingangstorbogen zum Haus in der Wartenburgstra\u00dfe 17 befindet sich eine verwitterte Gedenktafel mit Informationen \u00fcber die ehemalige ukrainische Zwangsarbeiterin Raisa Ivanovna. Durch das Arbeitsamt wurde sie 1942, im Alter von 21 Jahren, einer dort wohnhaften Familie mit vier Kindern als Hausm\u00e4dchen zugewiesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Raisa Ivanovna berichtete nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Brief an ihren Sohn \u00fcber ihren Einsatz in Deutschland: \u201eMan hat mich Anfang August, Ende September abgeholt. (&#8230;) Nach einem Luftangriff (1944) ging ich mit der Hausherrin nach Idar-Oberstein. Dort wurden wir auch ausgebombt. Ich war dann in einem Betrieb, wo ich zwei Monate auf einem Kran gearbeitet habe. Wieder wurde alles zerbombt, und ich wanderte ohne Orientierung umher.\u201c 1945 wurde sie von den Amerikanern befreit und in ein Lager in Hessen gebracht. Nach wenigen Wochen kehrte sie von dort in ihre Heimat zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland wurde Zwangsarbeit lange als Begleiterscheinung von Besatzung und Krieg bagatellisiert. Zwangsarbeitende waren \u00fcber Jahrzehnte \u201evergessene Opfer\u201c des Nationalsozialismus. Nach ihrer Befreiung hatten sich viele von ihnen auf eigene Faust sofort auf den Heimweg gemacht und waren damit aus dem Blickfeld der Deutschen verschwunden. Andere lebten als &#8222;Displaced Persons&#8220; oder &#8222;Repatrianten&#8220; weiterhin in Lagern und warteten auf ihre R\u00fcckkehr. F\u00fcr manche unter ihnen, insbesondere sowjetische Zwangsarbeiterinnen, war der Leidensweg damit noch nicht beendet. Sie wurden in ihrer Heimat pauschal der Kollaboration mit den Deutschen oder der Prostitution verd\u00e4chtigt; nicht wenige verschwanden in den stalinistischen Lagern. <\/p>\n\n\n\n<p>Erst die Entsch\u00e4digungsdebatte f\u00fcnfzig Jahre nach Kriegsende sorgte schlie\u00dflich daf\u00fcr, dass Zwangsarbeitskr\u00e4fte nicht l\u00e4nger &#8222;vergessene Opfer&#8220; waren, sondern in einigen F\u00e4llen minimale Entsch\u00e4digungszahlungen erhielten. Noch 1998 hatte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl alle Anspr\u00fcche auf Erstattung abgelehnt: \u201eWenn Sie glauben, ich w\u00fcrde die Bundeskasse noch einmal aufmachen, dann ist die Antwort nein.\u201c Die meisten der im deutschen Herrschaftsgebiet Ausgebeuteten litten besonders im Alter unter den psychischen und physischen Folgesch\u00e4den des Arbeitseinsatzes. In vielen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern lebten sie oftmals gesellschaftlich ausgegrenzt und am Rand des Existenzminimums. <\/p>\n\n\n\n<p>Allein in Berlin wurden zwischen 1939 und 1945 \u00fcber 380.000 Zwangsarbeitende eingesetzt, vor allem in kriegswichtigen Betrieben, aber auch, wie Raisa Ivanovna, in privaten Haushalten, in Kleinbetrieben oder in der Landwirtschaft, wo sie die an der Front befindlichen M\u00e4nner zu ersetzen hatten. Im gesamten Herrschaftsgebiet der Deutschen und ihrer Verb\u00fcndeten mussten 26 Millionen Menschen Zwangsarbeit leisten. \u00a019,2 Prozent aller Zwangsarbeitskr\u00e4fte im deutschen Herrschaftsgebiet waren \u201eOstarbeiter\u201c, \u00fcberwiegend aus der Sowjetunion und Polen (nach Kreutzm\u00fcller\/Weigel, in: Berlin im Nationalsozialismus). 60.000 \u201eArbeitsunwillige\u201c wurden ab 1940 in \u201eArbeitserziehungslagern\u201c so lange \u201ediszipliniert\u201c, bis sie ihren Widerstand aufgaben (nach Christian Simon, in: Feuerland Berlin). <\/p>\n\n\n\n<p>Traurige Ber\u00fchmtheit erlangte das Schicksal des 16-j\u00e4hrigen Walerjan Wrobel aus Polen, der im April 1941 als landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter in das Deutsche Reich geschickt wurde. Aus Verzweiflung und Heimweh legte er dort auf dem Bauernhof ein Feuer \u2013 in der Hoffnung, zur Strafe nach Hause zur\u00fcckgeschickt zu werden. Nach seiner Einweisung in das Konzentrationslager Neuengamme wurde er von einem Sondergericht zum Tode verurteilt und im August 1942 mit dem Fallbeil get\u00f6tet, obwohl f\u00fcr eine Tat wie die seine keine Todesstrafe h\u00e4tte verh\u00e4ngt werden d\u00fcrfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00fcber 30.000 ehemaligen Zwangsarbeitslager in Deutschland, davon 600 in Berlin und Umgebung, wurden nach Kriegsende zumeist abgerissen oder als Fl\u00fcchtlings- oder &#8222;Gastarbeiter&#8220;-Unterk\u00fcnfte verwendet. Die Rote Armee r\u00fcstete in Sachsenhausen und Buchenwald Baracken zu \u201eSpeziallagern\u201c um. Viele Barackenkomplexe wurden bis in die 1990er Jahre auch gewerblich oder f\u00fcr Wohnzwecke genutzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Das gilt ebenfalls f\u00fcr das ehemalige Zwangsarbeitslager Berlin-Sch\u00f6neweide, heute eine Gedenkst\u00e4tte. Im dortigen Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit zeigt die restaurierte \u201eBaracke 13\u201c seit 2006 neben historischen Inschriften im Keller auch Zitate von Zwangsarbeitenden, die \u00fcber ihre allt\u00e4gliche Lebenssituation im Lager Auskunft geben. Enge, Hunger, mangelnde Hygiene und Verzweiflung bestimmten ihr trauriges Dasein. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Raisa Ivanovnas Schicksal nach der Befreiung ist so gut wie nichts bekannt. Sie starb 1994. <\/p>\n\n\n\n<p>Text und Foto: Norbert Peters<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Umfeld unserer M\u00f6ckernkiez-Genossenschaft lebten in fr\u00fcheren Zeiten Menschen, an die erinnert werden sollte. Zu ihnen geh\u00f6rt die ukrainische Zwangsarbeiterin Raisa Ivanovna. Zwangsarbeit mit 21 Jahren. Im Eingangstorbogen zum Haus in der Wartenburgstra\u00dfe 17 befindet sich eine verwitterte Gedenktafel mit Informationen \u00fcber die ehemalige ukrainische Zwangsarbeiterin Raisa Ivanovna. Durch das Arbeitsamt wurde sie 1942, im &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Raisa Ivanovna\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/2026\/02\/02\/raisa-ivanovna\/#more-10016\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Raisa Ivanovna\">Beitrag lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":10019,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-10016","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-13 04:52:32","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10016","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10016"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10016\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10020,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10016\/revisions\/10020"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10019"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10016"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10016"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10016"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}