{"id":11204,"date":"2026-06-07T08:40:48","date_gmt":"2026-06-07T06:40:48","guid":{"rendered":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/?p=11204"},"modified":"2026-06-03T08:44:15","modified_gmt":"2026-06-03T06:44:15","slug":"veranstaltung-im-moeckernkiez-im-zuge-des-ehrenamtstages-2026-eine-nachlese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/2026\/06\/07\/veranstaltung-im-moeckernkiez-im-zuge-des-ehrenamtstages-2026-eine-nachlese\/","title":{"rendered":"Veranstaltung im M\u00f6ckernkiez im Zuge des \u201eEhrenamtstages\u201c 2026 \u2013 eine Nachlese"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt war das Forum der M\u00f6ckernkiez eG bei der k\u00fcrzlichen Lesung &#8222;Briefe aus der H\u00f6lle&#8220;, die im Rahmen des vom Bundespr\u00e4sidenten Steinmeier aufgerufenen Ehrenamtstages 2026 stattfand. Unter dem Dach des M\u00f6ckernkiez e.V. hatte die ehrenamtliche AG Erinnerung Gleis 1 eingeladen, um \u00fcber das entsetzliche Geschehen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zu berichten. Dorthin, wie auch zum Ghettolager Theresienstadt, hatte die AG Erinnerungsort in den letzten Jahren bereits mehrere Studienreisen f\u00fcr die Bewohnerschaft der M\u00f6ckernkiez-Genossenschaft unternommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die von Sabine Wallraf-R\u00fcttgers eindrucksvoll vorgetragenen Ausz\u00fcge aus den Aufzeichnungen des polnischen Juden Salmen Gradowski sorgten im Publikum f\u00fcr atemlose Stille und tiefe Betroffenheit. Gradowski, geboren 1908 oder 1909, Sohn eines Rabbiners und Tuchh\u00e4ndlers in Suwalki, wurde im Dezember 1942 in einem Zug mit 1000 Menschen nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo 769 von ihnen umgehend ermordet wurden \u2013 darunter s\u00e4mtliche Familienmitglieder Gradowskis. Er selbst wurde zur Arbeit in einem &#8222;Sonderkommando&#8220; gezwungen, das die traurige Aufgabe hatte, die Opfer aus den Z\u00fcgen in die Gaskammern zu treiben und ihre sterblichen \u00dcberreste zu beseitigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seiner historischen Einordnung der Ereignisse wies Norbert Peters darauf hin, dass die Mitglieder der Sonderkommandos nach einiger Zeit selbst ins Gas geschickt wurden, damit keine Zeugen Auskunft \u00fcber das verbrecherische Geschehen geben konnten. Gradowski allerdings f\u00fchrte heimlich Tagebuch dar\u00fcber. Es gelang ihm, seine Notizzettel mit Hilfe einiger Eingeweihter in Trinkgef\u00e4\u00dfen zu verstecken, sie zu versiegeln und vor Ort zu vergraben, wo sie nach dem Krieg geborgen und entziffert werden konnten. Der russische Historiker Pavel Polian hat dar\u00fcber das Buch &#8222;Briefe aus der H\u00f6lle&#8220; verfasst, das als eine Grundlage f\u00fcr den Lesetext im Forum diente.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Salmen Gradowski, der schon in jungen Jahren davon getr\u00e4umt hatte, Schriftsteller zu werden, geh\u00f6rte in Auschwitz zu den H\u00e4ftlingen, die sich nicht &#8222;wie die Schafe zur Schlachtbank&#8220; f\u00fchren lassen wollten. Er beschreibt daher einzelne heroische Verweigerungen und Widerstandshandlungen im Lager und findet daf\u00fcr zutiefst anr\u00fchrende Worte, die darauf schlie\u00dfen lassen, dass aus ihm ein gro\u00dfer Schriftsteller h\u00e4tte werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 8. M\u00e4rz 1944 wurden in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau die gefangenen Bewohner des <a href=\"https:\/\/www.ghetto-theresienstadt.de\/lexikon\/familienlager-auschwitz\">\u201eTheresienst\u00e4dter Familienlagers\u201c <\/a>ermordet \u2013 5000 Frauen, Kinder und M\u00e4nner.  <a href=\"https:\/\/www.ghetto-theresienstadt.de\/lexikon\/gradowski-salmen\">Salmen Gradowski<\/a> erlebte diesen Massenmord hautnah. Tief ersch\u00fcttert rief er Mith\u00e4ftlinge dazu auf, einen Aufstand gegen die SS-Wachmannschaften zu organisieren. Weil die Mitglieder der Sonderkommandos bei vielen Leidensgenossen aber als privilegierte Handlager der Deutschen galten, als \u201eArchetypen j\u00fcdischer Kollaborateure\u201c, zerschlugen sich Gradowskis Pl\u00e4ne zun\u00e4chst. Erst am 7. Oktober 1944 trafen sich die Anf\u00fchrer der Untergrundbewegung wegen einer bevorstehenden Selektion im Krematorium II und beschlossen, sich zu widersetzen. Es gelang ihnen, drei SS-M\u00e4nner zu t\u00f6ten, 20 von ihnen zu verwunden und eines der vier Krematorien in Brand zu setzen, das danach nicht wieder benutzt werden konnte. Nahezu alle Aufst\u00e4ndischen wurden erschossen, darunter auch Salmen Gradowski. Der Aufstand in Auschwitz-Birkenau war eine der wenigen gro\u00dfen aktiven Widerstandshandlungen gegen die NS-Vernichtungspolitik in den Lagern selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gradowskis Aufzeichnungen sind allein schon deswegen ein einmaliges authentisches Dokument, weil sie, anders als die nach dem Kriegsende verfassten Berichte \u00dcberlebender, schon w\u00e4hrend des schrecklichen Geschehens im Lager aufgezeichnet wurden. In ihnen zeigt sich Gradowski neben allem Mitgef\u00fchl in der Beschreibung des Loses der unschuldigen Opfer zugleich als entschlossener Widerst\u00e4ndler, der im vollen Bewusstsein seines bevorstehenden Todes zum Kampf sowie zur Rache an den T\u00e4tern aufruft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>(<\/strong>Der unqualifizierte Versuch einer Zuh\u00f6rerin, am Ende der Lesung das Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten mit Millionen von unschuldigen Opfern durch Verweis auf den aktuellen Krieg in Nahost zu relativieren, wurde \u00fcbrigens von den \u00fcbrigen Teilnehmenden an der Lesung unisono mit Emp\u00f6rung zur\u00fcckgewiesen.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ehrenamtliche Arbeit der AG Erinnerung Gleis 1 findet in diesem Jahr ihre Fortsetzung in zwei weiteren \u00f6ffentlichen Lesungen mit Bezug zum Thema NS-Geschichte, mit Filmen, Konzerten, der erneuten Reinigung von Stolpersteinen im Umfeld des M\u00f6ckernkiezes und einer weiteren Studienreise.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"868\" height=\"815\" src=\"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/grafik.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-11205\" style=\"aspect-ratio:1.065027252574559;width:442px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/grafik.png 868w, https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/grafik-300x282.png 300w, https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/grafik-768x721.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 868px) 100vw, 868px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Text: Norbert Peters<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Foto: Stefanie Elmendorff<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt war das Forum der M\u00f6ckernkiez eG bei der k\u00fcrzlichen Lesung &#8222;Briefe aus der H\u00f6lle&#8220;, die im Rahmen des vom Bundespr\u00e4sidenten Steinmeier aufgerufenen Ehrenamtstages 2026 stattfand. 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