{"id":11499,"date":"2026-07-14T19:33:00","date_gmt":"2026-07-14T17:33:00","guid":{"rendered":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/?p=11499"},"modified":"2026-07-14T11:07:39","modified_gmt":"2026-07-14T09:07:39","slug":"installation-brief-der-juedin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/2026\/07\/14\/installation-brief-der-juedin\/","title":{"rendered":"Installation &#8222;Brief der J\u00fcdin&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Brief der J\u00fcdin&#8220;<br>Installation von Christine Berndt am 2. August von 18 \u2013 21 Uhr im M\u00f6ca und im Besprechungsraum des M\u00f6ckernkiezes als Veranstaltung der AG Erinnerung Gleis 1.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Mit dem Werk \u201eSchriftZug\u201c von Christine Berndt (Gedichtzeilen auf Gleisen, auf denen 1942 bis 1944 mindestens 9600 j\u00fcdische B\u00fcrger Berlins Richtung Theresienstadt deportiert worden waren) wurde am 18. Juli 2025 der Erinnerungsweg Gleis 1 vom Anhalter Bahnhof zum Erinnerungsort Weichenumleger im M\u00f6ckernkiez er\u00f6ffnet. Neben vielen anderen war die Nobelpreistr\u00e4gerin Herta M\u00fcller, von der Christine Berndt Zeilen auf die Gleise montiert hatte, zur Er\u00f6ffnung gekommen. Dass einige Tage vorher an dieser Stelle eine Birke \u00fcber die Gleise gest\u00fcrzt war, jagte der Nobelpreistr\u00e4gerin, wie sie sagte, einen Schauder \u00fcber den R\u00fccken, wie das ganze Werk auf dem Erinnerungsweg Gleis 1. Nun zeigt Christine Berndt am 2. August von 18 \u2013 21 Uhr im M\u00f6ca und im Besprechungsraum f\u00fcr Wohngenossinnen und Wohngenossen des M\u00f6ckernkiezes ihre Installation \u201eBrief einer J\u00fcdin\u201c. Es ist das dritte Mal, dass diese Installation in Berlin zu erleben ist \u2013 nachdem sie 2005 zum ersten Mal in Berlin in der 2YK Galerie, 2012 in der Galerie wei\u00dfer Elefant und 2006 in Aukland (Neuseeland) aufgef\u00fchrt wurde, 2007 im Iran geplant, aber abgesagt worden war und 2018 im Goethe-Institut Neu-Delhi, Indien, zu erleben war.<br>In dem privaten Nachlass von Dr. Gunhild Korfes, Tochter des Wehrmachtgenerals Dr. Korfes, fand Christine Berndt die maschinenschriftliche Transkription eines Briefes, den eine Bewohnerin des Ghettos von Tarnopol (heutige Ukraine) an ihre Verwandten richtete. Die Urheberin des Briefes konnte nach Christine Berndts umfangreichen Recherchen als eine Salomea (Shlomit Rahel) Ochs, geb. Luft ermittelt werden. Aus nicht gekl\u00e4rten Gr\u00fcnden gelangte der urspr\u00fcnglich zw\u00f6lf handschriftliche Seiten umfassende Brief in die H\u00e4nde eines russischen Offiziers. Der russische Offizier \u00fcbergab ihn einem Offizier der deutschen Wehrmacht, dem Oberst Dr. Abel. Dieser Oberst beauftragte die Transkription. Die Transkription \u00fcbergab der Oberst dem Wehrmachtsgeneral Dr. Korfes. Im Nachlass seiner Tochter fand Christine Berndt den Brief.<br>Der Brief beschreibt die Vernichtung der Juden im Ghetto von Tarnopol in den Jahren 1943 und 1944. Salomea Luft wurde selbst ermordet. In immer neuen Ans\u00e4tzen versucht sie vor ihrer Ermordung, das Unfassliche des Geschehens mitzuteilen, dessen Zeugin und Opfer sie war. Das letzte Wort des Briefes lautet \u201eRache\u201c.<br>Christine Berndt bat einige Personen, diesen Brief, dessen Inhalt ihnen vor der Lekt\u00fcre unbekannt war, f\u00fcr sich allein zu lesen und sich dabei filmisch und per angeheftetem Kontaktmikrofon aufnehmen zu lassen. Wo die acht Personen den Brief allein lesen wollten, war ihnen \u00fcberlassen. Eine fest installierte Videokamera und ein Mikrophon registrierten die Reaktionen der Lesenden w\u00e4hrend ihrer einsamen Lekt\u00fcre \u2013 die K\u00fcnstlerin war nicht mit im Raum. Kamera und Mikrophon richten sich also nicht auf ein Vorlesen des Briefes. Kamera und Mikrophon nehmen ausschlie\u00dflich auf, was der \u2013 den Zuschauern der Videoprojektion unsichtbare &#8211; Brief in den K\u00f6rpern der Lesenden an Reaktionen hervorrief.<br>Die Arbeit \u201eDer Brief der J\u00fcdin\u201c besteht aus einer Videoprojektion, in welcher alle acht Sequenzen aufeinanderfolgen. Wer will, kann sich den Brief der J\u00fcdin am Tresen des M\u00f6ca-Caf\u00e9s ausleihen und im Besprechungsraum f\u00fcr sich lesen. Im M\u00f6ca selbst kann sich, wer will, mit Christine Berndt und den anderen Teilnehmenden austauschen.<br>Leonhard Emmerich, derzeit Leiter der Goethe-Institute Chicago und Houston schrieb: Auff\u00e4llig an \u201eDer Brief der J\u00fcdin\u201c ist die Vielzahl der \u00dcbersetzungen, die zwischen dem Brief und dem gezeigten Werk liegen: Da ist der Brief, der handschriftlich verfasst wurde, durch die H\u00e4nde eines russischen und eines deutschen Offiziers ging, transkribiert wurde, verschwand, wiederentdeckt wurde, jenen Lesenden \u00fcbereignet wurde, die von Christine Berndt angefragt wurden, und in hermetischer Einsamkeit eine Form der Anteilnahme erlebt, die der Betrachter zwar konstatieren, aber nicht verstehen kann, solange er sich nicht die M\u00fche macht, dieses Dokument selbst in die Hand zu nehmen.<br>Die Qualit\u00e4t der Arbeit von Christine Berndt liegt darin, dass sie \u00fcber all diese \u00dcbersetzungen den Betrachter wieder zu einer Urspr\u00fcnglichkeit der Empfindung zur\u00fcckf\u00fchrt, die aus dem Sujet resultiert: der Empfindung, einem Unfassbaren gegen\u00fcberzustehen. Unter ethischen oder moralischen Gesichtspunkten unfassbar zu sein, eignet den geschilderten Ereignissen und ist Thema des Briefes\u2026 Die Arbeit ist frei sowohl von dem unertr\u00e4glichen Zeigefinger, der uns darauf hinweisen will, dass wir doch nur richtig zu lesen br\u00e4uchten, um die Geschichte zu verstehen, als auch frei von jedem (wohl noch schwerer ertr\u00e4glichen) Voyeurismus. Auf formaler Ebene unpr\u00e4tenti\u00f6s und klar, entwickelt die Arbeit in ihrer inhaltlichen Komplexit\u00e4t eine ungeheure Wucht. Diese ist eine der Ersch\u00fctterung und der Trauer; Trauer nicht nur \u00fcber die Schicksale, die in dem Brief geschildert werden, sondern auch \u00fcber die Irreversibilit\u00e4t von Geschichte.<br>Trauer, Innehalten in allen Interpretationen und historischen Deutungsversuchen: je gewohnter Erinnerungskulturen werden, umso mehr verschwinden Trauer und Innehalten . Deswegen ist die AG Erinnerungskultur Gleis 1 froh und dankbar, die Installation zusammen mit Christine Berndt am 2. August 2026 zeigen zu k\u00f6nnen. Der Bundespr\u00e4sident dankte dem M\u00f6ckernkiez e.V. und der Genossenschaft f\u00fcr \u201enachbarschaftliches Engagement vor Ort im Bereich der Erinnerung an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft\u201c. Auf den ersten Blick hat eine inklusive selbstverwaltete Wohngenossenschaft e.G. viele andere Aufgaben als Erinnerung. Aber auf den zweiten Blick hat der Bundespr\u00e4sident sicher recht. Es g\u00e4be heute an diesem Ort keine Inklusion und Vielf\u00e4ltigkeit betonende soziale Wohngenossenschaft ohne die schreckliche Geschichte dieses Ortes. Die Erinnerung geht immer in die Zukunft ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Johann.Behrens@medizin.uni-halle.de f\u00fcr die AG Erinnerung Gleis 1<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Brief der J\u00fcdin&#8220;Installation von Christine Berndt am 2. August von 18 \u2013 21 Uhr im M\u00f6ca und im Besprechungsraum des M\u00f6ckernkiezes als Veranstaltung der AG Erinnerung Gleis 1. Mit dem Werk \u201eSchriftZug\u201c von Christine Berndt (Gedichtzeilen auf Gleisen, auf denen 1942 bis 1944 mindestens 9600 j\u00fcdische B\u00fcrger Berlins Richtung Theresienstadt deportiert worden waren) wurde am &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Installation &#8222;Brief der J\u00fcdin&#8220;\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/2026\/07\/14\/installation-brief-der-juedin\/#more-11499\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Installation &#8222;Brief der J\u00fcdin&#8220;\">Beitrag lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":11498,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,114,81,64],"tags":[],"class_list":["post-11499","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-geschichte","category-kunst","category-politik"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-07-21 21:08:41","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11499","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11499"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11499\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11506,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11499\/revisions\/11506"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11498"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11499"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11499"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11499"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}