{"id":12398,"date":"2026-10-25T10:08:00","date_gmt":"2026-10-25T09:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/?p=12398"},"modified":"2026-10-21T20:58:24","modified_gmt":"2026-10-21T18:58:24","slug":"als-der-nazi-terror-nach-kreuzberg-kam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/2026\/10\/25\/als-der-nazi-terror-nach-kreuzberg-kam\/","title":{"rendered":"Als der Nazi-Terror nach Kreuzberg kam"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Umfeld unserer M\u00f6ckernkiez-Genossenschaft gibt es Orte, an die erinnert werden sollte. Zu diesen geh\u00f6ren auch St\u00e4tten, wo NS-Verbrecher ihre Taten planten und ver\u00fcbten, nicht erst ab 1933\u2026 <br>Als der Nazi-Terror nach Kreuzberg kam.  <br>Berlin war zun\u00e4chst ein schwieriges Terrain f\u00fcr die NSDAP. Die Partei wurde 1919 in M\u00fcnchen gegr\u00fcndet und galt urspr\u00fcnglich nur als bayerische Partei. In Berlin gab es zwar Stadtviertel, in denen die Ideen der NSDAP auf fruchtbaren Boden fielen, aber wegen der starken industriellen Pr\u00e4gung der Stadt existierte die Partei in den 20er Jahren nur am Rande. Ab 1930 konnte sie allerdings in der konservativen und b\u00fcrgerlichen W\u00e4hlerschaft immer mehr Fu\u00df fassen. <br>Dazu trugen aggressive Propaganda, permanente Mobilisierung und Gewalt erheblich bei. Inszenierte Skandale sollten daf\u00fcr sorgen, dass die Medien berichteten. Der Gauleiter von Berlin, Joseph Goebbels, machte die SA zu seinem \u201eschlagkr\u00e4ftigsten\u201c Instrument. Es wurden bewusst M\u00e4rsche durch Arbeiterviertel gelenkt. Damit wollte Goebbels \u201eprovozieren und Sichtbarkeit f\u00fcr die Partei schaffen. (\u2026)\u201c Die Parteien der liberalen Mitte wurden, so der Historiker Arnd Bauerk\u00e4mper, \u201egeradezu aufgesogen.\u201c Die Arbeiter in den klassischen Arbeiterbezirken hingegen widersetzten sich am l\u00e4ngsten. SPD und KPD waren organisatorisch stark und ihre Anh\u00e4nger gewerkschaftlich gut organisiert. In der Nostitzstra\u00dfe z. B. flogen bei Nazi-Umz\u00fcgen, zumindest in den fr\u00fchen Jahren der NS-Herrschaft, Blument\u00f6pfe und Steine in Richtung der Marschierenden. Doch auch in den Arbeitervierteln gewann die Partei bei den Wahlen 1932 und 1933 steigende Anteile.<br>In Kreuzberg steht ein Ereignis des 10. M\u00e4rz 1933 f\u00fcr das gewaltsame Ende von Demokratie, Freiheit und Parlamentarismus in unserem Bezirk: Zusammen mit Bezirksamtsmitgliedern und -verordneten wurde der j\u00fcdische Bezirksb\u00fcrgermeister Carl Herz durch die SA vom Rathaus in der Yorckstra\u00dfe bis zum Marheinekeplatz getrieben (s. Bericht an dieser Stelle vom Juli 2025). Dieses brutale Geschehen steht exemplarisch f\u00fcr den NS-Machtantritt in Kreuzberg, mit dem der schon in der Weimarer Zeit ausge\u00fcbte Terror regierungsamtlich legitimiert wurde. <br>In der Hedemannstra\u00dfe, heute zu finden zwischen dem Willy-Brandt-Haus und dem Geb\u00e4ude der \u201etaz\u201c, befand sich die Zeugmeisterei Ost. SA-Mitglieder erhielten dort ihre Uniformen und Ausr\u00fcstungen. Damit sollte eine einheitliche Ausstattung der SA sichergestellt und nach au\u00dfen Geschlossenheit demonstriert werden. Die Hedemannstra\u00dfe beherbergte auch das Hauptquartier der SA-Gruppe Berlin-Brandenburg und war eines der fr\u00fchen Konzentrationslager von Berlin \u2013 neben jenem in der General-Pape-Stra\u00dfe am Bahnhof S\u00fcdkreuz (damals: Bahnhof Papestra\u00dfe). Seit Anfang 1933 war die Stra\u00dfe ber\u00fcchtigt und wurde oft als \u201eNazi-Kaserne\u201coder \u201eBlutkeller\u201c bezeichnet. Die Kulturwissenschaftlerin Irene Mayer-von Goetz recherchierte, dass ankommende H\u00e4ftlinge die Treppen hochgepr\u00fcgelt wurden, wo SA Spalier stand, um weiter auf sie einzuschlagen. Die W\u00e4nde des Haftraumes waren voller Blutspuren. In einem weiteren Raum fanden Verh\u00f6re und Folterungen statt. <br>Nicht weit entfernt, im Kreuzberger Teil der Friedrichstra\u00dfe, befand sich der ber\u00fcchtigte Gutschow-Keller (s. Nicolas Basse, Tagesspiegel 06.03.2026), ein weiteres unterirdisches Verlies der NS-Folterer. Auch das traditionsreiche Yorckschl\u00f6sschen in Kreuzberg diente in dieser fr\u00fchen Phase des NS-Terrors als eines dieser Sturmlokale und wurde als provisorischer Folterkeller missbraucht. Politische Gegner wie Kommunisten, Sozialdemokraten und Regimekritiker wurden dorthin verschleppt und illegal gefangen gehalten. Solche fr\u00fchen \u201ewilden\u201c Konzentrationslager dienten direkt nach der Macht\u00fcbertragung der Rache an den ehemaligen politischen Gegnern aus der Weimarer \u201eKampfzeit\u201c sowie der Einsch\u00fcchterung und Ausschaltung von Oppositionellen. <br>Sogar schon ein Jahrzehnt zuvor, am 19. November 1922, war im Lokal \u201eZum Reichskanzler\u201c in der Yorckstra\u00dfe 90 die erste Ortsgruppe der NSDAP in Berlin gegr\u00fcndet worden. Die Betreiber solcher Lokale, die als Versammlungsort und Treffpunkt f\u00fcr Rechtsradikale dienten, sympathisierten meist mit der NSDAP oder waren selbst Parteimitglieder. Ab 1928 entstanden erste \u201eSturmlokale\u201c. Diese dienten jeweils einem \u201eSA-Sturm\u201c als St\u00fctzpunkt, von wo aus man zu Schl\u00e4gereien mit politischen Gegnern aufbrach oder Terror gegen\u00fcber J\u00fcdinnen und Juden ver\u00fcbte. Die Lokale spielten eine zentrale Rolle in der Organisation und Mobilisierung der NS-Bewegung in ganz Berlin. In manchen richtete sich die SA in Vereins- und Hinterzimmern ein, w\u00e4hrend der normale Schankbetrieb weiterlief. Es gab jedoch auch Sturmlokale, die ihren Charakter als \u00f6ffentliche Orte fast vollst\u00e4ndig aufgaben, wie das Lokal \u201eZur Hochburg\u201c des \u201eSturm 24\u201c in der Gneisenaustra\u00dfe 17, dessen Eingang von SA-M\u00e4nnern bewacht wurde.<br>Ein besonders ber\u00fcchtigtes Sturm- und Verkehrslokal in Kreuzberg war das Restaurant \u201eWiener Garten\u201c in der Wienerstra\u00dfe 10. Bereits im Februar 1930 beschmierte eine Stammtischgesellschaft dieses Lokals die Synagoge am Kottbusser Ufer, die heutige Synagoge Fraenkelufer. Im \u201eWiener Garten\u201c verkehrte der SA-Sturm 27, zeitweise auch der Sturm 5, den der von den Nazis zum M\u00e4rtyrer stilisierte Sturmf\u00fchrer Horst Wessel anf\u00fchrte. <br>Auch vor kirchlichen Einrichtungen machte das NS-Regime keinen Halt. So wurde der Luisenst\u00e4dtische Friedhof am S\u00fcdstern zum \u201eHauptfriedhof der Bewegung\u201c umgewidmet. Nach seiner Er\u00f6ffnung 1831 hatte der Luisenst\u00e4dtische Friedhof noch als Ruhest\u00e4tte f\u00fcr Prominente wie Gustav Stresemann gedient. Die Nationalsozialisten waren jedoch \u00fcberaus produktiv bei der Schaffung von Erinnerungs- und Identifikationsst\u00e4tten, die zur ideologischen Gleichschaltung genutzt und sakralisiert wurden. Der zust\u00e4ndige Pfarrer Johannes Wenzel war dabei als Sympathisant der NS-Bewegung von gro\u00dfer Hilfe und f\u00f6rderte die Verbindung von Teilen der protestantischen Kirche mit der NS-Diktatur. Schon ab 1931 wurden auf \u201eseinem\u201c Friedhof hitlertreue Parteigenossen beerdigt: 15 SA-M\u00e4nner, vier SS-M\u00e4nner und ein Hitlerjunge, die zumeist in die \u201eEhrenliste der Ermordeten der Bewegung\u201c aufgenommenen wurden. Viele von ihnen waren im \u201eKampf um die Stra\u00dfe\u201c gegen Aktive und Sympathisanten der Arbeiterbewegung ums Leben gekommen, manche wurden aber auch durch Sch\u00fcsse der eigenen Leute get\u00f6tet oder begingen Selbstmord.<br>In Kreuzberg befanden sich zudem ca. 365 Lagerstandorte f\u00fcr Zwangsarbeiter:innen aus Russland, Kroatien oder Italien, u. a. am Mehringdamm (damals Belle-Alliance-Str.), in der Bl\u00fccher- und Kreuzbergstra\u00dfe, dem Marheinekeplatz und der M\u00f6ckernstra\u00dfe. In der Kommandantenstra\u00dfe befand sich ein Lager der Siemens-Schuckert Werke f\u00fcr 40 j\u00fcdische M\u00e4dchen. Einige Lager wurden bei Bombenangriffen zerst\u00f6rt. Es gab etliche Tote unter den Lagerinsassen. 3000 der insgesamt 30.000 Zwangsarbeiterlager im NS-Staat befanden sich in Berlin. <br>Ein Geb\u00e4udekomplex auf dem Prinz-Albrecht-Gel\u00e4nde in Kreuzberg beherbergte ab 1933 die Spitze der Gestapo, sp\u00e4ter auch die Zentrale des Sicherheitsdienstes des Reichsf\u00fchrers SS und die SS-F\u00fchrung. 1939 kam das Reichssicherheitshauptamt hinzu. Das Areal wird deshalb heute als &#8222;Ort der T\u00e4ter\u201c bezeichnet. Die Prinz-Albrecht-Stra\u00dfe 8 (heute: Niederkirchnerstra\u00dfe) geh\u00f6rte w\u00e4hrend des NS-Regimes zu den gef\u00fcrchtetsten Adressen in Berlin. Unter den rund 15.000 Inhaftierten waren Widerstandsk\u00e4mpfer wie Dietrich Bonhoeffer, Helmut James Graf von Moltke, Kurt Schumacher und Karl Mierendorff oder der Hitler-Attent\u00e4ter Georg Elser. <br>Erst Ende der 1970er Jahre wurde der historische Ort \u201ewiederentdeckt\u201c. Eine 1989 vom Berliner Senat eingesetzte Fachkommission empfahl die Errichtung eines Dokumentations- und Besucherzentrums. Freigelegte Geb\u00e4udereste sollten erhalten bleiben. Auch dank gro\u00dfen b\u00fcrgerschaftlichen Engagements f\u00fcr das Projekt \u201eTopographie des Terrors\u201c wurde zwischen 2007 und 2010 das neue Dokumentationszentrums geschaffen. Im Geb\u00e4ude befindet sich die Dauerausstellung \u201eTopographie des Terrors. Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt in der Wilhelm- und Prinz-Albrecht-Stra\u00dfe\u201c. Das Gel\u00e4nde der Gedenkst\u00e4tte ist vom M\u00f6ckernkiez aus in wenigen Minuten zu erreichen. <br>Gleiches gilt f\u00fcr die Gedenktafel f\u00fcr ermordete Widerstandsleistende des Bezirks aus dem Jahr 1947 \u2013 sie befindet sich im Rathaus Yorckstra\u00dfe (an einer schlecht ausgeleuchteten Stelle, s. Foto). <br>Text und Foto: Norbert Peters<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Umfeld unserer M\u00f6ckernkiez-Genossenschaft gibt es Orte, an die erinnert werden sollte. Zu diesen geh\u00f6ren auch St\u00e4tten, wo NS-Verbrecher ihre Taten planten und ver\u00fcbten, nicht erst ab 1933\u2026 Als der Nazi-Terror nach Kreuzberg kam. Berlin war zun\u00e4chst ein schwieriges Terrain f\u00fcr die NSDAP. 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