{"id":8564,"date":"2025-09-13T18:12:11","date_gmt":"2025-09-13T16:12:11","guid":{"rendered":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/?p=8564"},"modified":"2025-09-12T18:14:21","modified_gmt":"2025-09-12T16:14:21","slug":"max-sievers-freidenkender-sozialist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/2025\/09\/13\/max-sievers-freidenkender-sozialist\/","title":{"rendered":"Max Sievers \u2013 Freidenkender Sozialist"},"content":{"rendered":"\n<p><br>Im Umfeld unserer M\u00f6ckernkiez-Genossenschaft lebten in fr\u00fcheren Zeiten namhafte Pers\u00f6nlichkeiten, an die erinnert werden sollte. Zu ihnen geh\u00f6rt Max Sievers.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"513\" height=\"475\" src=\"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/grafik-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8571\" srcset=\"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/grafik-1.png 513w, https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/grafik-1-300x278.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 513px) 100vw, 513px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>In der Gneisenaustra\u00dfe 41 erinnert eine schwer lesbare, in drei Metern H\u00f6he angebrachte Gedenktafel an den von den Nationalsozialisten ermordeten Freidenker und Sozialisten Max Sievers. An diesem Ort befand sich in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts die Gesch\u00e4ftsstelle des 1905 urspr\u00fcnglich als marxistischer \u201eVerband der Freidenker f\u00fcr Feuerbestattung\u201c gegr\u00fcndeten Vereins. In Historikerkreisen wird dieses Jahr als die Geburtsstunde der organisierten Freidenkerbewegung in Deutschland angegeben, deren Anf\u00e4nge aber eigentlich schon ein Vierteljahrhundert fr\u00fcher auf Wilhelm Liebknecht zur\u00fcckzuf\u00fchren sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Urspr\u00fcnglich entstand die Freidenkerbewegung im Zuge der englischen Aufkl\u00e4rung und bezeichnete Menschen, die sich nicht durch Vorgaben von vermeintlichen Autorit\u00e4ten leiten lassen, sondern nur an Fakten orientieren wollten. In der NS-Zeit wurden die Organisationen der Freidenker verboten und ihre f\u00fchrenden K\u00f6pfe verfolgt, denn ihr Erbe der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung, des Atheismus, der b\u00fcrgerlichen sowie der marxistischen Religionsphilosophie war mit der NS-Ideologie unvereinbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtige Programmpunkte der Freidenker waren die Weltlichkeit des Schulwesens, die Abschaffung des Religionsunterrichts und des religi\u00f6sen Zwangseides an den Gerichten sowie die Beseitigung der Strafbarkeit von Abtreibungen. Neben der Propagierung der Feuerbestattung boten die Freidenker eine Sterbeversicherung an und erf\u00fcllten damit neben einem kulturellen zugleich ein soziales Bed\u00fcrfnis. Die \u201eProletarischen Freidenker\u201c sahen ihren Hauptzweck in der Entwicklung einer \u201ealternativen Gemeinschafts- und Feierkultur\u201c sowie im politisch-weltanschaulichen Kampf gegen den Einfluss der Kirche.<\/p>\n\n\n\n<p>1922 wurde Max Sievers Sekret\u00e4r und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Vereins \u201eFreidenker f\u00fcr Feuerbestattung\u201c in der Friedrichshainer Friedenstra\u00dfe. Als Kaufmann gr\u00fcndete er Tochterunternehmen des Vereins, die zu erschwinglichen Preisen S\u00e4rge, Sterbekleidung und weitere Begr\u00e4bnis-Utensilien anboten. 1923 verfasste Sievers die Brosch\u00fcre \u201eWarum Feuerbestattung?\u201c. In dieser Schrift trat er daf\u00fcr ein, dass Feuerbestattung und Freidenkerbewegung zusammengeh\u00f6rten und dass das Eintreten f\u00fcr die Feuerbestattung ein politischer Kampf sei: \u201e(\u2026) wir bek\u00e4mpfen weiter die grausame Ungerechtigkeit, (\u2026) dass noch Kapital geschlagen wird aus dem Tod eines Menschen (\u2026)\u201c. 1930 gab sich die Organisation den Namen \u201eDeutscher Freidenker-Verband\u201c und w\u00e4hlte Max Sievers zum Vorsitzenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Max Wilhelm Georg Sievers wurde am 11. Juli 1887 in Tempelhof geboren. Seine Mutter war Arbeiterin, sein Stiefvater von Beruf Tischler. Die Familie zog nach Rixdorf, heute Neuk\u00f6lln. Dort, im proletarischen \u201eRoten Rixdorf\u201c, erlebte der junge Max Sievers die harte soziale Wirklichkeit des Kaiserreiches. Im Alter von 12 Jahren verlie\u00df er die Schule und musste f\u00fcr seinen Lebensunterhalt selbst aufkommen. Er besuchte nebenher eine Abendschule und fand 1907 Arbeit als Kaufm\u00e4nnischer Angestellter im Verlagswesen. Er wurde Mitglied der freien Gewerkschaften und der Zentralgemeinschaft der proletarischen Freidenker. Als solcher beteiligte er sich aktiv an der Kirchenaustrittsbewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>1913 heiratete Max Sievers, doch seine Ehefrau Marie starb wenige Jahre sp\u00e4ter, vermutlich an Schwindsucht und Unterern\u00e4hrung. 1915 wurde er als Soldat einberufen und kurz darauf schwer verletzt. Nach mehreren Operationen wurde er zuerst in Belgien, dann in Berlin zum Sanit\u00e4tsdienst eingesetzt. In Belgien lernte er Denise Wauquieur (oder Wauquier) kennen, die 1921 seine zweite Ehefrau wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schrecken des Krieges lie\u00df ihn zu einem entschiedenen Kriegsgegner werden. In der Weimarer Republik verfolgte Max Sievers konsequent die Idee einer \u201edeutschen R\u00e4terepublik\u201c. Seine politischen Stationen waren nacheinander KPD, KAG (Arbeitsgemeinschaft ausgeschlossener KPD-Mitglieder) und SPD. Sein politischer Kurs bestand aber nie in der strikten Einhaltung einer Parteilinie. Sievers forderte vor allem die Bildung und Aufkl\u00e4rung breiter Massen im Rahmen einer \u201esozialistischen Kulturorganisation\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>1933 wurde der Verein unter Zwangsverwaltung gestellt. Max Sievers wurde in \u201eSchutzhaft\u201c genommen und schwer misshandelt. Nach seiner Freilassung gelangte er \u00fcber Holland und Belgien nach Basel. Am 25. August 1933 wurde ihm die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft aberkannt. 1937 erschien die erste Nummer der Zeitung \u201eFreies Deutschland. Organ der deutschen Opposition\u201c, herausgegeben von Max Sievers und seiner Ehefrau. 1939 wurde in Stockholm sein Buch \u201eUnser Kampf gegen das Dritte Reich\u201c ver\u00f6ffentlicht, sein politisches Testament.<\/p>\n\n\n\n<p>1940 ging das Ehepaar Sievers in die USA, kehrte jedoch aus famili\u00e4ren Gr\u00fcnden nach Belgien zur\u00fcck. Danach gelang es den beiden nicht mehr, in die USA zur\u00fcckzukehren, weil die Wehrmacht Belgien \u00fcberfiel. Sie flohen nach Nordfrankreich; ein Asylgesuch an die Schweiz wurde abgelehnt. \u00dcber einen Verwandten der Frau versuchte man Geld aus der Schweiz herbeizuschaffen. Der Geldbote wurde aufgegriffen und verriet unter Folter Herkunft und Empf\u00e4nger.<\/p>\n\n\n\n<p>Max Sievers wurde im August 1943 in das Untersuchungsgef\u00e4ngnis Berlin-Pl\u00f6tzensee verbracht. Aus dem Vernehmungsprotokoll der Gestapo geht seine unver\u00e4nderte Haltung hervor: \u201eMeine politische Einstellung ist nach wie vor sozialistisch\u201c. Sein Mitstreiter Heinz K\u00fchn charakterisierte ihn in seinen Memoiren wie folgt: \u201eMax Sievers war ein redlicher und uneigenn\u00fctziger Mann (\u2026) Er war ein k\u00e4mpferischer Freidenker von altem Schrot und Korn, politisch links bei den Unabh\u00e4ngigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Vorgeworfen wurde ihm im Prozess die \u201eVorbereitung zum Umsturz des Dritten Reichs\u201c. Er wurde des Hochverrats angeklagt, \u201eweil er als f\u00fchrender Emigrant durch jahrelange Herausgabe von Schriften, die vielfach in das Reich ein- geschmuggelt worden sind, (\u2026) die Feinde des Reichs beg\u00fcnstigt\u201c habe. Am 17. November 1943 f\u00e4llte der 1. Senat des Volksgerichtshofs unter Vorsitz Roland Freislers das Urteil: \u201eEr wird mit dem Tode bestraft\u201c wegen \u201eVorbereitung zum Hochverrat und Feindbeg\u00fcnstigung\u201c. Das Protokoll umfasste nur wenige Zeilen: \u201eDie Anklage wurde verlesen; der Angeklagte leugnete nicht; der Anklagevertreter forderte die Todesstrafe; der Pflichtverteidiger beantragte ein gerechtes Urteil\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Tage sp\u00e4ter wurde Max Sievers von Pl\u00f6tzensee in das Zuchthaus Brandenburg-G\u00f6rden \u00fcberf\u00fchrt. Dort wurden w\u00e4hrend der NS-Diktatur \u00fcber 2000 Personen, die aus politischen Gr\u00fcnden verurteilt worden waren, hingerichtet. Darunter befanden sich viele Kommunisten, Sozialdemokraten, Kriegsdienstverweigerer und Geistliche.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Dezember 1943 unternahmen zwei Schwestern von Sievers den vergeblichen Versuch, das Leben ihres Bruders mit einem Gnadengesuch zu retten. Der Reichsminister der Justiz teilte am 5. Januar 1944 dem Oberreichsanwalt mit, dass er \u201eauf Erm\u00e4chtigung des F\u00fchrers beschlossen\u201c habe, \u201evon dem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch zu machen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 17. Januar 1944 um 13 Uhr wurde Max Sievers mitgeteilt, dass die Hinrichtung zwei Stunden sp\u00e4ter erfolgen w\u00fcrde. Das Protokoll vermeldet: \u201eDer Verurteilte verhielt sich w\u00e4hrend der Verk\u00fcndigung ruhig und gefasst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Text und Foto: Norbert Peters<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Umfeld unserer M\u00f6ckernkiez-Genossenschaft lebten in fr\u00fcheren Zeiten namhafte Pers\u00f6nlichkeiten, an die erinnert werden sollte. Zu ihnen geh\u00f6rt Max Sievers. In der Gneisenaustra\u00dfe 41 erinnert eine schwer lesbare, in drei Metern H\u00f6he angebrachte Gedenktafel an den von den Nationalsozialisten ermordeten Freidenker und Sozialisten Max Sievers. An diesem Ort befand sich in der ersten H\u00e4lfte des &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Max Sievers \u2013 Freidenkender Sozialist\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/2025\/09\/13\/max-sievers-freidenkender-sozialist\/#more-8564\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Max Sievers \u2013 Freidenkender Sozialist\">Beitrag lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[115,114],"tags":[],"class_list":["post-8564","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gedenken","category-geschichte"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-17 17:28:26","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8564","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8564"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8564\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8573,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8564\/revisions\/8573"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8564"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8564"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/moeckernkiez-ev.de\/Wordpress_MK\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8564"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}