Am 16. Oktober 2026 wurde der Blücherplatz vor der Amerika- Gedenkbibliothek in Kreuzberg in
Eva-Mamlok-Platz umbenannt (s. Ankündigung an dieser Stelle vom 8.10.26).
Eva Mamlok (1918-1944) war eine jüdische Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus. Schon als 14-Jährige kletterte sie auf das Dach des Kaufhauses Hermann Tietz (dort befindet sich heute das Einrichtungshaus Poco) und schrieb darauf die Parole „Nieder mit Hitler!“. 1934 legte sie Blumen oder einen Kranz auf die Gräber von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am Friedhof der Sozialisten nieder. Darauf folgten „Schutzhaft“, KZ-Einweisung und Zwangsarbeit in einer Kreuzberger Fabrik. 1941 brachte sie eine Tochter zur Welt und wurde erneut verhaftet. Im Januar 1942 wurde sie in das Ghetto Riga deportiert und einem Arbeitskommando zugeteilt, wo sie weiterhin Widerstandarbeit leistete. Ihre Tochter, ihre Mutter und ihre Schwester wurden dort ermordet. Eva Mamlok starb 1944 an Entkräftung und Hunger im KZ Stutthof.
Der ursprüngliche Namensgeber des Platzes war der preußische Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher, ab 1814 Fürst Blücher von Wahlstatt (1742-1819). Er gehörte er zu den damals so bezeichneten militärischen Helden der Befreiungskriege gegen Napoleon, war u. a. an der Schlacht von Waterloo und im August 1813 der Schlacht an der Katzbach beteiligt (daher der Straßenname in unserer Nachbarschaft). Für die Benennung des Blücherplatzes hatte sich seinerzeit Reichskanzler Bismarck eingesetzt. Denkmäler für den schon zu Lebzeiten legendären und populären General wurden in seiner Vaterstadt Rostock, in Berlin Unter den Linden, an einem Rheinübergang und in der Walhalla an der Donau errichtet.
Die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg beschloss vor einigen Jahren, neue oder von unliebsamen Persönlichkeiten geprägte Straßen künftig bevorzugt nach Frauen zu benennen, da diese in Straßennamen historisch unterrepräsentiert seien. Umbenennungen zu Ehrung von bisher marginalisierten Gruppen und Anträge zur „Entmilitarisierung“ oder Überprüfung von Straßennamen sorgen im Bezirk regelmäßig für intensive politische Debatten.
Auch die Initiative „Umbenennen“ engagiert sich seit zwei Jahren für diese Ziele. Sie ist ein kooperatives Projekt des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. und des Arbeitskreises Berliner Regionalmuseen, gefördert von der LOTTO-Stiftung Berlin. Alle zwölf Berliner Bezirks- und Regionalmuseen zeigen lokalgeschichtliche Schwerpunkte, z. B. auch im Friedrichshain-Kreuzberg Museum FHXB. Als Debattenbeitrag stellt das Projekt Fragen, die auch für künftige Kontroversen eine Perspektive bieten können: Inwieweit spiegeln sich die jeweils herrschenden politischen Machtverhältnisse in den Benennungen von Straßen und Plätzen wider? Welches Potenzial zur Entwicklung einer demokratischen, partizipativ-engagierten Stadtöffentlichkeit bergen moderierte Diskurse über die (Um)Benennung von Straßen?
In den vergangenen Jahren waren im Bezirk bereits Plätze und Straßen nach der Rabbinerin Regina Jonas (s. Bericht an dieser Stelle vom Dezember 2025), der Dichterin Audre Lorde, die sich selbst als „schwarze, lesbische, feministische, sozialistische, Mutter, Kriegerin, Dichterin“ bezeichnet hatte, und der sozialistischen Politikerin Freia Eisner (Tochter des an dieser Stelle porträtierten Anführers der Münchner Räterepublik) umbenannt. Der Antrag auf Umbenennung des Blücherplatzes in Eva-Mamlok-Platz wurde auf Antrag von Linken, Grünen und Sozialdemokraten vor etwa einem Jahr beschlossen und nunmehr umgesetzt.
Bei der Einweihungszeremonie mit der Enthüllung einer Gedenkstele vor der Amerika-Gedenkbibliothek hatte sich eine größere Menschenmenge eingefunden, darunter ein Dutzend Möckernkiez-Bewohner:innen. In Anwesenheit einer aus den USA angereisten Angehörigen Eva Mamloks (s. Foto) lobte die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Clara Herrmann (Grüne), die Initiative, welche die Umbenennung vorangetrieben hatte. Dadurch werde jüdischer und weiblicher Widerstand im Bezirk sichtbar und gebe ihm einen festen Ort in unserer Erinnerungskultur. Das Andenken an Eva Mamlok sei eine Mahnung, dass auch jüdisches Leben zu Kreuzberg gehöre.
Herrmann bezeichnete die Anwesenheit der Mamlok-Angehörigen als Ehre und Verpflichtung für den Bezirk und die Stadt Berlin. Sie bedankte sich zudem ausdrücklich beim gemeinnützigen Verein
UpStadt e. V., den Geschichts- und Lernort Kreuzberg, der auf dem Dragonerareal einen Geschichts- und Lernort schafft, das Zusammenleben in einer offenen, pluralen Gesellschaft fördert und vor diesem Hintergrund auch die Umbenennung des Blücherplatzes nach einer jüdischen Widerstandskämpferin tatkräftig unterstützte.
Text und Foto: Norbert Peters
