Anna Schepeler-Lette

„Tausende haben sich dankbar der edlen Frau erinnert“

Im Umfeld unserer Möckernkiez-Genossenschaft gibt es Orte und namhafte Persönlichkeiten, an die erinnert werden sollte. Zu ihnen gehört die engagierte Politikerin, Frauenrechtlerin und Schulgründerin Anna Schepeler-Lette.

Heute schwer vorstellbar – noch Mitte des 19. Jahrhunderts hatten unverheiratete Frauen aus dem Bürgertum kaum Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit zu verdienen, allenfalls Lehrerinnen oder Gouvernanten war das möglich. Daher gründete sich 1866 in Berlin der „Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts“ und wählte Wilhelm Adolf Lette zum Gründungsvorsitzenden. Der Verein setzte sich für die Öffnung weiterer Berufsfelder für Frauen ein und förderte Ausbildungsstätten und Absatzmöglichkeiten für von Frauen hergestellte Produkte.

Schon 1874 wurde in der Zeitschrift „Gartenlaube“ die Geschichte des Lette-Vereins erstmals bilanziert. Man drückte seine Freude darüber aus, dass mit der Vereinsgründung „jenes beklagenswerte Los der unverheirateten Mädchen“ dadurch verbessert worden sei, dass man mehr Angebote für die Mädchen- und Frauenbildung erkämpft habe. Gleichzeitig jedoch wurde die politische Emanzipation der Frauen „dankenswerterweise“ abgelehnt, da politische Tätigkeit von Frauen zu jener Zeit in Preußen verboten war.

Nach dem frühen Tod des Vereinsvorsitzenden Lette übernahm 1872 seine Tochter Anna Schepeler-Lette (1827-1897), „die Erbin seiner Pflichttreue und seines unermüdlichen aufopferungsvollen Wirkens für das Gemeinwohl“, die Vereinsführung. „Ihrem klaren und praktischen Blick für die Bedürfnisse und die Erschließung von Hilfsquellen verdankt der Verein sein ungeheures Wachstum und die glänzenden Erfolge seiner (…) Handels-, Gewerbe-, Frauenarbeits-, Zeichen- und Modellierschulen (…)“, rühmt die „Gartenlaube“ das Wirken der Vereinsleiterin. Der Verein stand unter dem Protektorat der Kronprinzessin Victoria von Preußen, wollte aber bewusst ohne staatliche Hilfsgelder auskommen.

Unter der Leitung von Anna Schepeler-Lette wurde der Verein zum Schulträger und gründete 1872 die Handels- und Gewerbeschule mit Sitz in der heutigen Stresemannstraße 32, wo die Vereinsleiterin zeitweise wohnte und arbeitete. Dort wurde im Juli 2026 eine Gedenktafel für diese Vorkämpferin für berufliche Frauenrechte feierlich enthüllt. Die Feier wurde gestaltet vom Aktiven Museum (Koordinierungsstelle Historische Stadtmarkierungen) und der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Finanziert wurde auch diese Gedenktafel von der GASAG AG. Die Laudatio auf die zu Ehrende hielt die Direktorin der Berliner Lette-Stiftung.

Das Zentrum der Aktivitäten des Vereins lag ursprünglich am Viktoria-Luise-Park in Schöneberg – bis 1920 noch nicht zu Berlin gehörig -, wo 1902 ein Schulbau für eine Frauenschule entstand, um den sich sechs Höfe gruppierten. In den privaten Schulen des Lette-Vereins unterrichteten trotz des in Preußen geltenden Lehrerinnenzölibats verheiratete Frauen. Erst seit 1982 sind alle Schulen des Lette-Vereins koedukativ. Der Verein ist heute eine Stiftung des öffentlichen Rechts für schulische Berufsausbildungen sowie Träger von drei Berufsfachschulen, einer Fachschule und drei Schulen des Gesundheitswesens in Berlin.

1933 leistete der Verein keinerlei Widerstand gegen das NS-Regime und passte sich den ideologischen Vorgaben des Nationalsozialismus an. Jüdisches Lehrpersonal und jüdische Schülerinnen wurden entlassen. Die angebliche Notwendigkeit von Zwangssterilisation z. B. gehörte zu den verbindlichen Unterrichtsinhalten. Ein überzeugter Nationalsozialist und späterer Oberbürgermeister wurde zum „Vereinsführer“ bestimmt.

Auch die bereits 1874 über den Lette-Verein berichtende „Gartenlaube“ wurde in der NS-Zeit gleichgeschaltet. „Die Gartenlaube – Illustriertes Familienblatt“ gilt als Vorläufer moderner Zeitschriften und wurde zum ersten deutschen Massenblatt. Das 1853 in Leipzig gegründete Presseorgan, mit einer Auflage von 5.000 Exemplaren gestartet, entwickelte sich schnell zur beliebtesten Familienzeitschrift im deutschen Sprachraum und wuchs bis 1875 zu einer Auflagenhöhe von über 380.000 an. Die Zeitschrift lag auch in zahlreichen Bibliotheken und Cafés aus. Sie ist noch heute eine für viele historische Themenfelder unverzichtbare Quelle zur deutschen Kulturgeschichte, auch mit ihren veröffentlichten Fortsetzungsromanen.

War die „Gartenlaube“ in ihrer Gründungsphase noch sozialkritisch eingestellt und dem Geist der Revolution von 1848 verhaftet, zudem mit einer oft positiven Darstellung jüdischen Lebens, wurde sie unter Bismarck zum national-konservativen Sprachrohr in Preußen-Deutschland. Politische oder religiöse Themen waren tabu. 1904 wurde die „Gartenlaube“ dem Zeitungsverlag des rechtsnationalen August Scherl eingegliedert und gehörte bald danach zum Medienimperium von Alfred Hugenberg, einem der Wegbereiter Adolf Hitlers. Der größte Teil des Pressekonzerns wurde 1933 von NS-Verlagen übernommen.

Anna Schepeler-Lette, deren Ehe kinderlos blieb, zog nach dem Tod ihres Ehemanns 1861 zu ihrem Vater nach Berlin und widmete sich fortan voll und ganz ihrer sozial-pädagogischen Reformarbeit: „Tausende verdanken (…) dem Lette-Verein ihre Erwerbsfähigkeit und bürgerliche Existenz, sie alle haben sich (…) dankbar der edlen Frau erinnert, welche (…) die Vereinsleitung übernahm und unter zahllosen persönlichen Opfern bis auf den heutigen Tag in so ausgezeichneter Weise führte“, rühmt die „Gartenlaube“ ihre Verdienste. Als Vereinsleiterin pflegte sie gute Kontakte zur deutschen Frauenbewegung, sorgte für die Einrichtung von Gymnasialkursen für Frauen in Berlin und nahm an internationalen Frauenkongressen teil. Nicht zuletzt bahnte sie in Preußen der Ausbildung von Lehrerinnen den Weg.

Es wird berichtet, dass Anna Schepeler-Lette am 17. September 1897 während einer Prüfung, die sie leitete, gestorben sei. Selbst wenn es sich dabei um eine Legende handeln sollte – treffender hätte man ihr nimmermüdes Eintreten für Frauenrechte im Ausbildungswesen nicht charakterisieren können.

Text und Foto: Norbert Peters