Im Umfeld unserer Möckernkiez-Genossenschaft lebten in früheren Zeiten namhafte Persönlichkeiten, an die erinnert werden sollte. Zu ihnen gehört der Politiker Peter Lorenz.

Im Bergmannkiez, Schenkendorfstraße 7, befindet sich eine Gedenktafel für den CDU-Politiker Peter Lorenz (1922-1987), der vor 51 Jahren, am 27. Februar 1975, in dem als Second-Hand-Laden getarnten Haus mehrere Tage in Geiselhaft verbringen musste. Verantwortlich für diese Tat waren Terroristen der „Bewegung 2. Juni“, die im Gegenzug für sein Leben die Freilassung von inhaftierten Mitgliedern der Rote-Armee-Fraktion (RAF) forderten. Mit ihrer Namensgebung wollten die Untergrundkämpfer an die Tötung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 erinnern.
Lorenz war Berliner CDU-Landesvorsitzender und aussichtsreicher Spitzenkandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus, die drei Tage nach der Tat stattfinden sollte. Die Entführung war der erste Fall in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, bei dem ein Politiker durch Terroristen gekidnappt wurde. Für die Entführer war Lorenz „Vertreter der Reaktionäre und der Bonzen (…).“ Im Austausch für ihn fordern sie die Freilassung von inhaftierten Gesinnungsgenossen, ein Flugzeug und 20.000 Mark Handgeld pro Häftling.
Bei den Beratungen über eine angemessene Reaktion auf die Forderungen gab der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz (SPD) die Marschroute vor: „Wir müssen Peter Lorenz freibekommen. Dem haben sich alle anderen Erwägungen unterzuordnen“. Berlins Ex-Bürgermeister Heinrich Albertz sollte die Entführer nach ihrem Willen auf einem von ihnen geplanten Flug begleiten. Eine Lufthansa-Maschine landete nach einem Irrflug tatsächlich mit fünf freigepressten Terroristen im Südjemen.
Die Wahl zum Abgeordnetenhaus fand wie geplant am 2. März 1975 statt. Der entführte Peter Lorenz wurde zum Wahlsieger erklärt und in seinem Amt als CDU-Landesvorsitzender bestätigt. Regierender Bürgermeister blieb aber Klaus Schütz an der Spitze einer Koalition aus SPD und FDP. Albertz kehrte am nächsten Tag nach Berlin zurück und verlas eine von den Terroristen aufgesetzte Botschaft: „Wir grüßen die Genossen in Deutschland, die außerhalb des Knastes und die, die noch im Knast sind (…), dass für sie auch bald so ein Tag, so wunderschön wie heute, anbrechen wird“. Diese Worte waren das Signal für die Entführer, Peter Lorenz freizulassen. Von der Polizei wurden nach und nach 15 Verdächtige verhaftet, fünf von ihnen wurden 1980 zu hohen Haftstrafen verurteilt.
Nach dem Ende der Entführung begann in der Bundesrepublik eine intensive Diskussion darüber, ob die Entscheidung richtig gewesen sei, das Leben von Lorenz über die Staatsraison zu stellen. Bundeskanzler Helmut Schmidt vertrat die Auffassung, dass der Fall Lorenz nicht als Richtschnur für ähnliche Situationen dienen könne. Künftig werde die Bundesregierung die Mittel des Rechtsstaates „mit aller Konsequenz und Härte einsetzen“. Weitere politisch motivierte Entführungsfälle verliefen daher nicht unblutig, so beim Überfall auf die Deutsche Botschaft in Stockholm 1975 und bei der Ermordung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer 1977.
Peter Lorenz bekleidete in seiner Karriere wichtige politische Ämter: CDU-Landesvorsitzender und Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin, Bundestagsabgeordneter und Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeskanzleramt unter Helmut Kohl. Ihm wurden u. a. das Große Bundesverdienstkreuz und die Ernst-Reuter-Medaille verliehen.
Lorenz litt bis zu seinem Tod im Jahr 1987 unter den psychischen Folgen seiner Entführung, hat sich öffentlich jedoch nie negativ über die Terroristen geäußert. Er sei weder misshandelt noch gar gefoltert worden. Aber nach Einschätzung des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl war sein Parteifreund nach diesem Schockerlebnis „nie wieder der Alte“.