Im Umfeld unserer Möckernkiez-Genossenschaft lebten in früheren Zeiten namhafte Persönlichkeiten, an die erinnert werden sollte. Zu ihnen gehört der Künstler Ernst Barlach.
Visionärer Bildhauer des 20. Jahrhunderts
Er führte ein rastloses Leben, der Bildhauer, Graphiker, Karikaturist und Dramatiker Ernst Barlach. Geboren am 2. Januar 1870 im schleswig-holsteinischen Wedel, führte ihn sein künstlerisches Schaffen über Hamburg, Dresden, Paris, Russland, die Ukraine, die Toskana und die Niederlande ins mecklenburgische Güstrow, seine Wahlheimat in den späten Lebensjahren.
Auch in Berlin hinterließ Ernst Barlach seine Spuren. 1899/1900 wohnte er in der Yorckstraße 11. Zeitweilig war er Mitglied der Berliner Secession, einer deutschen Künstlergruppe, die sich als Gegenpol zum damals dominierenden akademischen Kunstbetrieb verstand. Barlachs künstlerisches Markenzeichen bestand darin, „das Äußere, d.h. den Körper seiner Figuren, auf das Nötigste zu reduzieren, um in ihren Gesichtern und Händen seine innere Verfassung darzustellen“, so nachzulesen im seit 1961 bestehenden Ernst Barlach Haus in Hamburg.
Sein wichtigster Förderer war in frühen Jahren der jüdische Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer. Die Verleihung des Kleistpreises 1924 für sein dramatisches Werk machte Barlach dann landesweit bekannt, sodass es an Aufträgen in den Folgejahren nicht mangelte: Magdeburg, Kiel, Stralsund oder Lübeck beauftragten ihn, plastische Antikriegs-Denkmäler anzufertigen, von denen Barlach aber einige wegen lautstarker öffentlicher Kritik rechter Kreise nicht realisieren konnte. „In seinen Skulpturen und Grafiken, die oft von Entfremdung, Schmerz und Verzweiflung erzählen, stellte er die brutalen Auswirkungen des Krieges jenseits von patriotischer Verherrlichung oder Ideologie dar.“ (Quelle: Sammlung Deilmann)
1936 wurden Barlachs Werke, wie auch jene von Käthe Kollwitz, in der Jubiläumsausstellung der Preußischen Akademie der Künste beschlagnahmt. 1937 erließen die Nationalsozialisten für ihn ein Ausstellungsverbot und behielten 371 seiner Werke ein, darunter auch seine 1927 geschaffene Skulptur Der Schwebende aus dem Güstrower Dom (dort befindet sich heute eine Nachbildung). Andere Objekte wurden in der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ vorgeführt. Barlachs Theaterstücke wurden an deutschen Bühnen verboten. Resignierend notierte Barlach dazu: „Zum Arbeiten werde ich auf absehbare Zeit nicht kommen, ins Ausland gehe ich nicht, im Vaterlande muß ich mich wie ein Emigrant fühlen – und zwar schlechter als ein wirklicher, weil alle Wölfe gegen mich und hinter mir heulen. Dabei soll man und muß sich vor Verbitterung und derlei unproduktiven Einstellungen bewahren.“
Zu den größten Verehrern der Kunst Barlachs gehörte der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt. Im Rahmen eines deutsch-deutschen Gipfeltreffens mit Erich Honecker besuchte Schmidt 1981 Güstrow. Die Barlach-Gedenkstätte und der Dom zu Güstrow standen auf dem Programm. Die DDR hoffte auf die Anerkennung ihres Staates durch die Bundesrepublik und wollte sich seinerzeit für diesen Zweck „weltoffen“ präsentieren. Im Verborgenen allerdings sorgte das Ministerium für Staatssicherheit dafür, dass 644 in Güstrow lebende regimekritische Personen durch Verhaftungen aus dem Verkehr gezogen wurden. Die Bewohner wurden daran gehindert, während des Besuch Schmidts ihr Haus zu verlassen. Telefonleitungen wurden gekappt, alle Zufahrtsstraßen nach Güstrow hermetisch abgeriegelt. „Außerdem werden Jubelkräfte bestellt, die auf den linken Bürgersteigen winken sollen. Links, weil auf dieser Seite Honecker in der Staatskarosse sitzt und Schmidt nicht bejubelt werden soll.“ (MDR-Fernsehdokumentation vom 9. August 2019)
Auf keinen Fall sollten sich Jubelszenen wiederholen, wie sie sich 1970 in Erfurt abspielten, als tausende DDR-Bürger mit dem Sprechchor „Willy Brandt ans Fenster!“ ihre Sympathie für den Bundeskanzler ausdrückten. Honecker bedankte sich nach Schmidts Abreise in einer Botschaft an die Staatssicherheit: „Es ist Euch gelungen, Güstrow nicht zu einem zweiten Erfurt werden zu lassen.“
In seiner1968 erschienenen Novelle „Barlach in Güstrow“ zeichnet der regimekritische DDR-Schriftsteller Franz Fühmann (1922-1984) ein differenziertes Porträt des Künstlers. Er erzählt fiktiv von der Seelennot Barlachs, der als ehemals patriotisch-völkischer Befürworter des Ersten Weltkriegs nun an seiner Heimat und am Wesen der Welt verzweifelt. Damit drückte Fühmann zugleich seine eigenen Gedanken über die Zustände in der DDR aus.
Ernst Barlach starb am 24. Oktober 1938 in Rostock. Unter den Trauergästen in seinem Güstrower Atelier waren u. a. die Künstler Georg Kolbe, Käthe Kollwitz und Karl Schmitt-Rottluff sowie sein langjähriger Förderer Hermann F. Reemtsma. Barlachs Beisetzung fand in Ratzeburg statt.
(Exponate aus Barlachs Œuvre sind noch bis zum 3.5.2026 in der Ausstellung „Käthe Kollwitz und das Theater“ im Käthe-Kollwitz-Museum Berlin zu sehen.)
Text und Foto: Norbert Peters
