Stolpersteinreinigung am Tag des Ehrenamtes in der Hornstraße am 31. Mai 2026
Im Umfeld unserer Möckernkiez-Genossenschaft lebten in früheren Zeiten namhafte Persönlichkeiten, an die erinnert werden sollte. Zu ihnen gehört Dr. Benno Wolf, der Forscher „mit einem Eispickel für hirnlose Schädel“. Sein Schicksal in der NS-Zeit soll hier exemplarisch für die einstmals in der Kreuzberger Hornstraße lebenden und von den Nationalsozialisten zumeist in den Tod getriebenen Berliner Jüdinnen und Juden vorgestellt werden.
An Wolf und weitere Verfolgte, Vertriebene und Getötete erinnern in der Hornstraße jene „Stolpersteine“, die jetzt im Rahmen des von Bundespräsident Steinmeier ausgerufenen bundesweiten „Ehrenamtstages“ gereinigt wurden. An dieser freiwilligen Aktion beteiligten sich etliche Bewohnerinnen und Bewohner der Wohngenossenschaft Möckernkiez eG sowie interessierte Menschen aus der Nachbarschaft unter Leitung der AG Erinnerung Gleis 1, welche seit Jahren zur Geschichte der „Alterstransporte“ vom Anhalter Bahnhof in das Ghettolager Theresienstadt arbeitet. An allen Stationen in der Hornstraße wurden historisch fundierte Auskünfte über die Lebenswege der dort Geehrten erteilt.
Benno Wolfs letzter Wohnort vor seiner Deportation befand sich in der Hornstraße 6. Geboren wurde Wolf wurde am 26. September 1871 in Dresden. Er stammte aus einer Arztfamilie jüdischer Herkunft und war protestantisch getauft. Nach dem Abitur studierte Wolf Jura, u. a. in Berlin. Die Promotion an der Universität Leipzig erfolgte 1895. 1912 wechselte Wolf an das Landgericht in Berlin, wo er sich auf Mietrecht spezialisierte. Neben seiner praktischen Arbeit publizierte er regelmäßig rechtswissenschaftliche Schriften.
Darüber hinaus war Wolf, der sich früh für Naturkunde interessierte und gern wanderte, als Justitiar bei der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Berlin tätig. Das erste preußische Naturschutzgesetz von 1920 wurde in weiten Teilen von ihm formuliert. Darüber hinaus war Wolf ein renommierter Höhlenforscher und veröffentlichte zahlreiche Beiträge über seine Erkundungen.
Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten begann für Wolf eine Zeit der Verfolgung. Bereits 1933 musste er seine Tätigkeit als Richter und Justitiar aufgeben. Seine in der Großbeerenstraße gelegene Wohnung musste er aus finanziellen Gründen aufgeben und zog in eine günstigere Wohnung in der Hornstraße. Dort widmete er sich weiteren Arbeiten zur Höhlenforschung. Dank der Unterstützung seines Freundes Julius Riemer – Fabrikant und naturkundlicher Sammler – konnte er noch einige Jahre wesentliche Beiträge für die Abfassung des Reichsnaturschutzgesetzes leisten.
Wolf bestieg 200 Gipfel und erforschte mehrere hundert Höhlen. Bei all seinen Expeditionen soll der ewige Junggeselle, der auf viele ein wenig „schrullig“ wirkte, immer einen Eispickel bei sich gehabt haben, selbst wenn er nicht im Gebirge oder in Höhlen unterwegs war.
Am 8. Juli 1942 wurde der fast 71-Jährige vom Anhalter Bahnhof aus nach Theresienstadt deportiert. Es war der 18. der 116. der sogenannten Berliner „Alterstransporte“ ab diesem Bahnhof (nicht der 17., wie fälschlicherweise oft nachzulesen). Seine Deportationsnummer im Transport war laut Datenbank Yad Vashem die 1148. Die Gruppe der Deportierten bestand aus 100 Menschen, 67 jüdischen Frauen und 33 Männern. Ihr Durchschnittsalter betrug 71,8 Jahre. Jüngstes Opfer war eine 22-Jährige, das älteste 88 Jahre. Es gab nur zwei Überlebende. Am 6. Januar 1943 kam Benno Wolf in Theresienstadt ums Leben. Vermutlich erlag er den unmenschlichen Haftbedingungen im Lager.
Wolfs Freund Richard Georg Spöcker schließt seine Erinnerungen mit den Worten: „Wie ich Wolf kannte, hatte er seine innere Größe auch nicht verloren, als er von den braunen Henkern zum letzten Gang abgeholt wurde. Hätte er seinen gestiefelten Schergen doch zuvor den Eispickel in die hirnlosen Schädel geschlagen. Sein unentbehrliches Gerät wäre wenigstens einmal für einen vernünftigen Zweck gut gewesen.“ (Kreuzberger Chronik)
Die Leistungen Benno Wolfs gerieten nach 1945 fast in Vergessenheit, erst in jüngerer Zeit wurde ein Kapitel in der Festschrift „Staatlicher Naturschutz in Deutschland 1906–2006“ dem Wirken Wolfs gewidmet. 1996 wurde eine Sandsteinhöhle in der Böhmischen Schweiz nach ihm benannt, 2005 der abgebildete Stolperstein für ihn verlegt. (Das Todesdatum „März 1943“ auf dem Stein ist allerdings falsch. Wolf starb schon zwei Monate früher.)
Auch in der weiteren Umgebung des Möckernkiezes wurden von den Ehrenamtlichen unter dem Dach des Möckernkiez e. V. Stolpersteine gereinigt. Der nächste ehrenamtliche Einsatz dieser Art ist für den Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November 2026 geplant.
Text: Norbert Peters
Fotos: Karl Bubenheimer/Norbert Peters


