Gedenken an Kindertransporte

AG Erinnerung Gleis 1 besucht Gedenkveranstaltung zu Kindertransporten.


Am Bahnhof Friedrichstraße befindet sich seit 2008 das Denkmal Züge in das Leben – Züge in den Tod;/Trains to death – Trains to life 1938–1945. Es wurde in gemeinsamer Arbeit von Lisa Sophie Bechner, der Vorsitzenden der Kindertransport Organisation Deutschland e. V., und dem gebürtigen Danziger Frank Meisler geschaffen, der als Kind zu den vor der Deportation und Tötung geretteten Kindern und Jugendlichen gehörte.
Zu den von Frau Bechner geladenen Gästen der Gedenkfeier gehörten auch Mitglieder der AG Erinnerung Gleis 1, die mit der Initiatorin der Veranstaltung seit längerem im Austausch sind, u. a., weil am 2. Dezember 1938 auch ein Kindertransport vom Anhalter Bahnhof aus nach Holland aufbrach und nach dreitägiger Reise an der englischen Ostküste ankam, womit die AG sich intensiv beschäftigt hat.
Das Denkmal am Bahnhof Friedrichstraße erinnert an jene Kinder, die mit Kindertransporten – ohne Eltern – nach Großbritannien und weitere europäische Länder sowie Palästina, die USA und Kanada kamen und dort überleben konnten, sowie an alle Kinder, die in Verstecken dem Terror der Nationalsozialisten entgehen konnten. Es erinnert aber auch an die 1,5 bis 2 Millionen getöteten, überwiegend jüdischen Kinder, an die Kinder von Sinti und Roma, die Kinder von politisch Verfolgten oder durch „Euthanasie“ ermordete Kinder und Jugendliche. Weitere Denkmäler für diese Kindertransporte finden sich heute in Prag, Danzig, Hoek van Holland, London und Harwich.
Nach der Reichspogromnacht am 9./10 November 1938 hatte das britische Parlament die Aufnahme von Kindern aus Deutschland, Österreich und später der Tschechoslowakei sowie aus Polen beschlossen. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs reisten fast 10.000 Kinderflüchtlinge über die Niederlande, meistens von Hoek van Holland, nach Großbritannien ein. Auch das belgische Parlament entschied, 1000 Kinder zu retten. Insgesamt konnten weltweit ca. 20.000 überwiegend deutsche und österreichische Kinder durch die Transporte gerettet werden. Allerdings hatten 1938 nicht weniger als 60.000 Erziehungsberechtigte die Ausreise ihrer Kinder gewünscht, scheiterten aber an bürokratischen Hürden, konnten die dafür erforderlichen Geldmittel nicht aufbringen oder fanden keine Aufnahmebereitschaft im Ausland.
Nur wenige der Kinder sahen ihre Angehörigen wieder, weil diese von den Nationalsozialisten in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet worden waren. Viele gerettete Kinder, die in englischen Gastfamilien Aufnahme fanden, litten auch nach dem Kriegsende noch unter der Trennung von ihren leiblichen Eltern, selbst wenn diese – in den seltensten Fällen – überlebt hatten. Für viele Kinder waren Einsamkeit und Fremdheit prägende traumatische Erfahrungen. Überdies fühlten sich viele der Kinder schuldig, weil sie überlebt hatten, während zahlreiche ihrer Altersgenossen und Familienmitglieder sterben mussten.
Ein in der Geschichtsschreibung kaum untersuchter Vorgang war die Rettung von jüdischen Kindern aus Polen. Am 27. und 28. Oktober 1938 waren 17.000 jüdische Menschen polnischer Staatsangehörigkeit, darunter viele Kinder und Jugendliche, im Rahmen der so genannten „Polenaktion“ aus NS-Deutschland ausgewiesen und über die polnische Grenze abgeschoben worden, wo sie in den meisten Fällen keine Aufnahme fanden und orientierungslos im Niemandsland zwischen den beiden Nachbarstaaten umherirrten.
Die Rettung von ca. 150 polnisch-jüdischen Kindern nach England war ein Meisterwerk der Organisation. Das „Refugee Children’s Movement“ beschaffte Bürgschaften für die aufzunehmenden Kinder und organisierte gemeinsam mit anderen britischen Hilfsorganisationen Unterkünfte für die jungen Menschen. Auf deutscher Seite und polnischer Seite übernahmen die jüdischen Vertretungen sowie in geringerem Umfang christliche Hilfsorganisationen, insbesondere die Quäker, die Organisation und Finanzierung von Transporten.
Ein weiterer in der Fachwelt bisher kaum beachteter Vorgang, an den bei der Feierstunde erinnert wurde, war die Hilfe von Kindern und Jugendlichen beim Warschauer Aufstand gegen die NS-Besatzer zwischen August und Oktober 1944. Die jungen Mitkämpfer leisteten Kurierdienste, schafften Nachschub herbei oder suchten nach geeigneten Verstecken für die Aufständler. Fast alle zahlten dafür mit ihrem Leben.

Der polnische Gesandter-Botschaftsrat Jakub Wawrzyniak erinnerte in seiner Rede vor Ort nicht nur an das Schicksal der von den Nationalsozialisten im Krieg uns Leben gekommenen Kinder unter den fünf Millionen Polen, die Opfer des NS-Terrors waren. Er machte darauf aufmerksam, dass auch in unserer Zeit Kinder und Jugendliche der Verfolgung ausgesetzt sind. Namentlich erwähnte er das traurige Schicksal von nach dem russischen Angriff auf die Ukraine nach Russland entführten und russifizierten Kindern.

Ein besonderer Appell wurde an die anwesenden Polizistinnen und Polizisten gerichtet, die sich in Ausbildung befinden und bei der Veranstaltung Spalier standen. In den Grußworten der Staatssekretärin für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt, Frau Cerstin Richter-Kotowski, und des Berliner Polizeivizepräsidenten Marco Langner wurde an sie der deutliche Auftrag gerichtet, die in der NS-Zeit in Polen und anderen Ländern begangenen oder geduldeten Verbrechen als mahnendes Beispiel dafür zu nehmen, ihren Amtseid jederzeit zu erfüllen, „ihr Amt getreu dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und der Verfassung von Berlin in Übereinstimmung mit den Gesetzen zum Wohle der Allgemeinheit“ auszuüben. Das sei in Zeiten von steigender Demokratiefeindlichkeit, Fremdenhass und Antisemitismus wichtiger denn je.

Text: Norbert Peters

Kontakt zum Veranstalter:

Kindertransport Organisation Deutschland e.V.
Müggelstraße 14
10247 Berlin
Telefon: +49(0)30 60401021
E-Mail:
lisa.bechner@berlin.de


Fotos: Nyke Aßhauer, Stefanie Elmendorff