Studienreise nach Erfurt zur Gedenkstätte „Topf & Söhne“


Eine 14-köpfige Reisegruppe aus dem Möckernkiez besuchte dieser Tage die thüringische Hauptstadt Erfurt, einen Ort mit einer weit über 1000-jährigen Geschichte. Die Stadt stand jahrhundertlang unter der wechselnden Herrschaft des Kurfürstentums Mainz, Napoleons, Sachsens oder Preußens. Während der NS-Herrschaft spielte Erfurt eine wichtige Rolle als Militärstützpunkt. Zentrum war die fast fünfhundert Jahre alte Zitadelle auf dem Petersberg, von der aus man auch heute einen Blick über die gesamte Stadt haben kann. Daher bildete sie neben dem Erfurter Dom (offiziell: Hohe Domkirche St. Marien zu Erfurt), der Alten Synagoge, dem jüdischen Ritualbad Mikwe und der berühmten Krämerbrücke über den Fluss Gera hinweg einen der Schwerpunkte des Besuchsprogramms.

Eigentliches Ziel der Reise war allerdings die Erfurter Gedenkstätte „Topf&Söhne“. Auf diese wurde die Möckernkiez-AG Erinnerung Gleis 1 durch ihre Mitarbeit bei der Errichtung einer Gedenktafel für die Berliner Firma „H. Kori GmbH“ aufmerksam. Beide Unternehmen lieferten sich in der NS-Zeit einen regelrechten Wettkampf um den Verkauf von Verbrennungsöfen für Konzentrations- und Vernichtungslager. Im Auftrag der SS sollten Tötung und Leichenbeseitigung ohne Unterbrechung, kostengünstig und brennstoffsparend erfolgen und möglichst wenig Spuren hinterlassen.

Wie die Reisegruppe bei einer Führung durch das Gelände und das ehemalige Verwaltungsgebäude erfuhr, hatten Mitarbeiter der Erfurter Firma keinerlei Skrupel, sich in die praktischen Probleme der Vernichtung hineinzuversetzen und entsprechende „Lösungen“ zu entwickeln. Das Familienunternehmen J. A. Topf und Söhne, wie auch die Kori GmbH, spielten dabei eine entscheidende Rolle, ohne die der Vernichtungsapparat des NS-Systems nicht hätte funktionieren können. Es trägt daher zurecht die offizielle Bezeichnung „Techniker der ´Endlösung` – Die Ofenbauer von Auschwitz“. Man empfahl sich der SS mit der Zusage: „Stets gern für Sie beschäftigt …“. Das intensive Bemühen um staatliche Aufträge ist heute umso erstaunlicher, als die Herstellung von Verbrennungsöfen für die Vernichtungslager nur 2,4 % des Umsatzes der Firma ausmachte. Neben der Anbiederung an die NS-Herren war wohl der Ehrgeiz der Ingenieure, immer effizientere Öfen zu entwickeln, obwohl man um deren Einsatzzweck wusste, ein wichtiges Motiv. Man hatte auch keine Hemmungen, in den Lagern „probeweise“ Vergasungen und Verbrennungen durchzuführen, bei denen hunderte von Opfern einen qualvollen Tod fanden.


Der größte der errichteten Öfen hatte acht Brennkammern, in denen täglich 3000 Leichen verbrannt werden konnten. Zur Beschleunigung des Verfahrens empfahl die Betriebsanleitung, die Leichen während des Vorgangs zu bewegen. Die dafür “hilfreichen“ Schürhaken wurden mitgeliefert. 1942 entwarf ein Ingenieur einen vierstöckigen Massen-Verbrennungsofen. Wie in einer riesigen Müllverbrennungsanlage sollten die Leichen wie am Fließband hineingeschoben werden und dann auf Schrägrosten herabrutschen. Es sei ihm völlig klar, schrieb der Ingenieur an die Geschäftsleitung, „dass ein solcher Ofen als reine Vernichtungsvorrichtung anzusehen ist, dass also die Begriffe Pietät, Aschetrennung sowie jegliche Gefühlsmomente vollständig ausgeschaltet werden müssen“. Jährlich fast eine Million Opfer konnten mit den modernsten Öfen der Firma „entsorgt“ werden. In der Gedenkstätte in Erfurt sind bei Ausgrabungen in Buchenwald gefundene Schuhreste von Opfern in Vitrinen ausgestellt und veranschaulichen so das traurige Schicksal der Getöteten ebenso wie zahlreiche originale Urnen, in denen sich menschliche Asche befand.

In den Kriegsverbrecherprozessen nach 1945 wurde keiner der für diese Vernichtungsaktionen Verantwortlichen verurteilt, was auch damit zu tun hatte, dass die Aktenlage zu der Zeit nicht ausreichend war. Mittlerweile hat vor allem Annegret Schüle, die heutige Leiterin der Gedenkstätte in Erfurt, mit ihrer Forschungs- und Aufklärungsarbeit dafür gesorgt, dass die Öffentlichkeit über diese Geschichte informiert wird.

In der Familie Topf wurde, wie auch bei der Kori GmbH, lange der Mantel des Schweigens über das seinerzeitige Geschäftsgebaren der Firma gedeckt – bis Hartmut Topf, ein Nachfahre, der Geschichte seiner Familienangehörigen nachging und darüber Auskunft erteilte. Warum sein Vater, ein „so ein liebenswerter Mann“, mitgemacht habe „bei dem Drecksverein“, habe er nie verstanden. „Der konnte bei Kinderliedern Tränen in den Augen haben.“ („Spiegel“ 1.8.2007)

Text: Norbert Peters

Fotos: Stefanie Elmendorff/Norbert Peters