Eindrucksvolle Lesung von Svenja Leiber

Svenja Leiber liest im Möckernkiez aus ihrem Roman „Nelka“.
Bis auf den letzten Platz gefüllt, fast überfüllt, war kürzlich das Forum des Möckernkiezes, als die Schriftstellerin Svenja Leiber Passagen aus ihrem jüngsten Roman „Nelka“ las.
Die titelgebende Hauptperson des Buches, Nelka, wird 1941 als sechzehnjähriges Mädchen gemeinsam mit anderen Frauen und Mädchen aus ihrer Heimatstadt Lemberg – heute das ukrainische Lwiw – zur Zwangsarbeit auf ein norddeutsches Gut verschleppt. Sie muss ihre Familie und ihre erste große Liebe zurücklassen. In einem zweiten Erzählstrang schildert die Autorin, wie Nelka ein halbes Jahrhundert später auf das Gut zurückkehrt und sich den Erinnerungen stellt, die sie seit den Kriegsjahren verfolgen. Sie will, dass der ehemalige Gutsverwalter, jetzt Hofbesitzer, sich an das erinnert, wovon sie selbst sich endlich befreien muss.
Krieg, Verschleppung, Ausbeutung und Missbrauch sind Themen des Romans, aber auch das Durchhalten der Protagonistin. Dabei erzählt die Autorin „mit feinfühligem Blick aber auch von der besonderen Frauenfreundschaft, die sich zwischen den Zwangsarbeiterinnen entspannt“. (Die Zeit, 09.07.2026) Svenja Leiber gilt als eine Autorin, der es in ihren Romanen immer wieder gelingt, starke und mutige Frauen ins Zentrum der Handlung zu rücken. Das gilt für „Nelka“ nicht weniger als für ihren Vorgängerroman „Kazimira“.

Deutlich für alle im Raum Anwesenden war zu spüren, was in Deutschlandfunk Kultur (20.02.2026) wie folgt formuliert wurde: Die Autorin Svenja Leiber „beweise ein besonderes Gespür für Details, für feine, sprechende Bilder, die Geschichte transportieren, ohne, dass es große Worte braucht. Das vermeintlich Private und das Öffentliche sind (…) so eng miteinander verzahnt, dass sie sich kaum trennen lassen. Und doch geht es Leiber nicht darum, abzurechnen, sondern darum zu bewahren.“ Der Roman schreibe „Weltgeschichte, voll poetischer Leidenschaft“.
Diese „Weltgeschichte“ bezieht sich auf die Zwangsarbeit während der Zeit der NS-Herrschaft, das übergeordnete historische Thema des Romans. 30.000 Zwangsarbeiterlager gab es im Deutschen Reich, zig-Millionen zumeist osteuropäische, aber auch italienische, französische oder griechische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter mussten für die Versorgung der deutschen Bevölkerung mit Lebensmitteln oder unter zumeist menschenunwürdigen und lebensgefährlichen Verhältnissen für die Rüstungsindustrie schuften. Die ideologische Basis dafür bildete das Menschenbild der Nationalsozialisten, gekennzeichnet durch angebliche zivilisatorische und rassische Überlegenheit des „arischen“ deutschen Volkes, das „Vernichtung durch Arbeit“ einschloss.
Tausende Mädchen und Frauen wurden auch in privaten Haushalten als Arbeitskräfte eingesetzt, zum Beispiel in kinderreichen Familien zur Unterstützung der Mütter, deren Ehemänner sich an der Front befanden. (Im Januar dieses Jahres wurde an dieser Stelle exemplarisch an das Schicksal der Ukrainerin Raisa Ivanovna aus der Wartenburgstraße 17 erinnert, die 1942, im Alter von 21 Jahren, einer dort wohnhaften Familie mit vier Kindern als Hausmädchen zugewiesen wurde.)
In Deutschland wurde die NS-Zwangsarbeit seitens der Politik und der Gerichte jahrzehntelang als übliche Begleiterscheinung von Krieg und Besatzungsherrschaft bezeichnet und bagatellisiert, nicht aber als spezifisches NS-Verbrechen anerkannt. Erst in den 1980er und 1990er Jahren gelang es Opferverbänden und lokalen Erinnerungsinitiativen, das Thema in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Um die Jahrtausendwende ließ dann die Entschädigungsdebatte die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus dem Status der „vergessenen Opfer“ heraustreten – als viele der damaligen Opfer bereits nicht mehr am Leben waren.
Ihre herausgehobene Rolle unter den Zwangsarbeiterinnen auf dem schleswig-holsteinischen Gutshof für den Verwalter Marten verdankt Nelka ihren Kenntnissen bei der Anpflanzung von Apfelbäumen. Apfelsorten werden seit Jahrhunderten durch Veredelung vermehrt. Nelka verfügt dank ihres von den Nazis ermordeten Vaters von Kindesbeinen an über die Kenntnis um das Gedeihen von Apfelbäumen und Obstplantagen. Dieses Wissen wird ihr einerseits zur Rettung, andererseits aber auch zum Verhängnis. „Die Fragen von Herkunft, Wachstum, Veredelung und Fortbestand werden zu Metaphern für Identität, Erinnerung und die Weitergabe von Erfahrungen über Generationen hinweg.“ (Bernhard Walcher)
Dass bei der Lesung Äpfel zum Verkosten und Mitnehmen gereicht wurden, war nur eine der stimmigen Ideen, die der Möckernkiez-Mitbewohner Carlo Wahrmann für die Veranstaltung entwickelt hatte. Es konnten auch Exemplare des Buches „Nelka“ erworben werden, welche die Buchhandlung „Anagramm“ aus dem Mehringdamm vorhielt und die von der Autorin signiert wurden. Der Initiator, der aus persönlichen Gründen nicht an der Lesung teilnehmen, sie aber online verfolgen konnte, stammt selbst aus jener Gegend in Schleswig-Holstein, die den örtlichen Rahmen für die Romanhandlung bildet.
Zur Abrundung der Veranstaltung trug auch der musikalische Beitrag des Duos Maria (Akkordeon) und Joachim (Klarinette) bei, das die Zuhörerschaft mit vier vorgetragenen Stücken erfreute. Wohl alle bei der Lesung Anwesenden verließen den Raum mit dem guten Gefühl, dass selbst die räumliche Enge letzten Endes keine Rolle mehr spielte.
Text: Norbert Peters Fotos: Stefanie Elmendorff