Mahnmal „Gleis 17“ Bahnhof Grunewald

Ermüdende Gedenk-Veranstaltungen sind verpasste Chancen gegen unseren hochgefährlichen Zeitgeist des wachsenden Antisemitismus.

Gedanken zum Erinnern an den 18. Oktober 1941 am „Gleis 17“ Bahnhof Grunewald

Die historischen Fakten dürften vielen unter uns hinreichend bekannt sein. Im NS-Regime wurden zwischen Oktober 1941 bis Februar 1945 über 50.000 deutsche Jüdinnen und Juden in Deportationszügen der Deutschen Reichsbahn von den Berliner (Güter)Bahnhöfen Grunewald, Moabit und Anhalter Bahnhof in die Konzentrations- und Vernichtungslager der osteuropäischen besetzten Gebiete verschleppt. Der erste Deportationszug mit 1013 eingepferchten Menschen setzte sich in ungeheizten Waggons vom Bahnhof Grunewald am 18. Oktober 1941 in Bewegung.

Funktion und fiskalische Gewinne, die die „Deutsche Reichsbahn“ im Zweiten Weltkrieg für die Logistik des Völkermordes an den europäischen Juden (Shoa) eingenommen hat, ist auch durch ihre Nachfolgeorganisation „Deutsche Bundesbahn“ immer noch unzureichend aufgearbeitet. Sie war auch kaum Thema auf dem kürzlich stattgefundenen Symposium „Erinnern, Reflektieren, Verantwortung übernehmen. „The Logistics of the Holocaust“ im Berliner Technik Museum. Und dies obwohl dort der Historiker Alfred Gottwaldt (1949–2015) als Oberkurator zwischen 1983 und 2014 tätig war und die Rolle der Reichsbahn in seiner Forschungsarbeit „Die Reichsbahn und die Juden 1933–1939 – Antisemitismus bei der Eisenbahn in der Vorkriegszeit.“ (2011) vorgelegt hat. Weitere wissenschaftliche Aufarbeitungen über die eisenbahntechnische Logistik, die Sichtbarkeit für die damalige Öffentlichkeit, die unmenschlichen Bedingungen während der Transporte, die möglichen Handlungsspielräume des Zugpersonals, bzw. ihre willige Mittäterschaft und persönliche Erinnerungen von Überlebenden müssen in Bibliotheken erst mühsam gesucht werden.

Angesichts der furchtbaren Thematik aus unserer deutschen Geschichte, war diese jährliche Gedenkfeier am S-Bahnhof Grunewald selbstverständlich wie immer auch bewegend, vor allem die leider nur wenigen musikalischen Beiträge. Es gab wie gewohnt zahlreiche überlange Reden politischer Prominenz, die in Wiederholungen historischer Fakten viele der meist stehenden Zuhörerinnen und Zuhörer eher ermüdeten. Allein der momentan amtierende israelische Botschafter Ron Prosor, dessen Eltern bereits 1933 zu den vertriebenen Berliner Jüdinnen und Juden gehörten, redete überwiegend frei und sensibilisierte durch seine beeindruckende Persönlichkeit.

Lange Beiträge durch Prominenz an eine Zuhörerschaft von nur geschätzten 200 Anwesenden (unter Millionen Berlinern!), die über die furchtbaren historischen Ereignisse meist selbst gut informiert sind, lassen zunehmend auch etwas ungehalten zurück.
Es braucht künftig etwas geänderte Formate für, aus guten Gründen, jährlich stattfindende Gedenkveranstaltungen. Die Bevölkerung und wissenschaftliche Fachvertretungen sollten durch Organisationen, Ministerien und Medien durch gute Öffentlichkeitsarbeit vorher angesprochen und ermutigt werden, an neuen Gedenkformaten mitzuarbeiten. Dies würde bedeuten, dass, abgesehen von anwesenden jüdischen Vertretungen, die Rednerschaft offizieller Stellen weniger vom Blatt abliest und sich kürzer fässt.
Historisches Gedenken und Empathie für die Opfer erfordert gerade von den meist nichtjüdischen Rednerinnen und Rednern zu konkretisieren, was gegen Vergessen und Verdrängen getan werden muss und wie sie künftig auch selbst unserem erneut wachsenden Antisemitismus entgegentreten wollen.

Susanne Zeller

Bild Mahnmal, das der polnische Künstler Karol Broniatowski am 18. Oktober 1991 aufstellte. Die graue Betonmauer erinnert mit Negativabdrücken menschlicher Körper an das Verschwinden der verschleppten Jüdinnen und Juden vom Bahnhof Grunewald.
(Foto: Susanne Zeller 18.10.2026)

Gleis 17, Bahnhof Grunewald.
(Foto: Susanne Zeller 18.10.2026)