Im Umfeld unserer Möckernkiez-Genossenschaft gibt es Orte, an die erinnert werden sollte. Zu diesen gehören auch Stätten, wo NS-Verbrecher ihre Taten planten und verübten, nicht erst ab 1933…
Als der Nazi-Terror nach Kreuzberg kam.
Berlin war zunächst ein schwieriges Terrain für die NSDAP. Die Partei wurde 1919 in München gegründet und galt ursprünglich nur als bayerische Partei. In Berlin gab es zwar Stadtviertel, in denen die Ideen der NSDAP auf fruchtbaren Boden fielen, aber wegen der starken industriellen Prägung der Stadt existierte die Partei in den 20er Jahren nur am Rande. Ab 1930 konnte sie allerdings in der konservativen und bürgerlichen Wählerschaft immer mehr Fuß fassen.
Dazu trugen aggressive Propaganda, permanente Mobilisierung und Gewalt erheblich bei. Inszenierte Skandale sollten dafür sorgen, dass die Medien berichteten. Der Gauleiter von Berlin, Joseph Goebbels, machte die SA zu seinem „schlagkräftigsten“ Instrument. Es wurden bewusst Märsche durch Arbeiterviertel gelenkt. Damit wollte Goebbels „provozieren und Sichtbarkeit für die Partei schaffen. (…)“ Die Parteien der liberalen Mitte wurden, so der Historiker Arnd Bauerkämper, „geradezu aufgesogen.“ Die Arbeiter in den klassischen Arbeiterbezirken hingegen widersetzten sich am längsten. SPD und KPD waren organisatorisch stark und ihre Anhänger gewerkschaftlich gut organisiert. In der Nostitzstraße z. B. flogen bei Nazi-Umzügen, zumindest in den frühen Jahren der NS-Herrschaft, Blumentöpfe und Steine in Richtung der Marschierenden. Doch auch in den Arbeitervierteln gewann die Partei bei den Wahlen 1932 und 1933 steigende Anteile.
In Kreuzberg steht ein Ereignis des 10. März 1933 für das gewaltsame Ende von Demokratie, Freiheit und Parlamentarismus in unserem Bezirk: Zusammen mit Bezirksamtsmitgliedern und -verordneten wurde der jüdische Bezirksbürgermeister Carl Herz durch die SA vom Rathaus in der Yorckstraße bis zum Marheinekeplatz getrieben (s. Bericht an dieser Stelle vom Juli 2025). Dieses brutale Geschehen steht exemplarisch für den NS-Machtantritt in Kreuzberg, mit dem der schon in der Weimarer Zeit ausgeübte Terror regierungsamtlich legitimiert wurde.
In der Hedemannstraße, heute zu finden zwischen dem Willy-Brandt-Haus und dem Gebäude der „taz“, befand sich die Zeugmeisterei Ost. SA-Mitglieder erhielten dort ihre Uniformen und Ausrüstungen. Damit sollte eine einheitliche Ausstattung der SA sichergestellt und nach außen Geschlossenheit demonstriert werden. Die Hedemannstraße beherbergte auch das Hauptquartier der SA-Gruppe Berlin-Brandenburg und war eines der frühen Konzentrationslager von Berlin – neben jenem in der General-Pape-Straße am Bahnhof Südkreuz (damals: Bahnhof Papestraße). Seit Anfang 1933 war die Straße berüchtigt und wurde oft als „Nazi-Kaserne“oder „Blutkeller“ bezeichnet. Die Kulturwissenschaftlerin Irene Mayer-von Goetz recherchierte, dass ankommende Häftlinge die Treppen hochgeprügelt wurden, wo SA Spalier stand, um weiter auf sie einzuschlagen. Die Wände des Haftraumes waren voller Blutspuren. In einem weiteren Raum fanden Verhöre und Folterungen statt.
Nicht weit entfernt, im Kreuzberger Teil der Friedrichstraße, befand sich der berüchtigte Gutschow-Keller (s. Nicolas Basse, Tagesspiegel 06.03.2026), ein weiteres unterirdisches Verlies der NS-Folterer. Auch das traditionsreiche Yorckschlösschen in Kreuzberg diente in dieser frühen Phase des NS-Terrors als eines dieser Sturmlokale und wurde als provisorischer Folterkeller missbraucht. Politische Gegner wie Kommunisten, Sozialdemokraten und Regimekritiker wurden dorthin verschleppt und illegal gefangen gehalten. Solche frühen „wilden“ Konzentrationslager dienten direkt nach der Machtübertragung der Rache an den ehemaligen politischen Gegnern aus der Weimarer „Kampfzeit“ sowie der Einschüchterung und Ausschaltung von Oppositionellen.
Sogar schon ein Jahrzehnt zuvor, am 19. November 1922, war im Lokal „Zum Reichskanzler“ in der Yorckstraße 90 die erste Ortsgruppe der NSDAP in Berlin gegründet worden. Die Betreiber solcher Lokale, die als Versammlungsort und Treffpunkt für Rechtsradikale dienten, sympathisierten meist mit der NSDAP oder waren selbst Parteimitglieder. Ab 1928 entstanden erste „Sturmlokale“. Diese dienten jeweils einem „SA-Sturm“ als Stützpunkt, von wo aus man zu Schlägereien mit politischen Gegnern aufbrach oder Terror gegenüber Jüdinnen und Juden verübte. Die Lokale spielten eine zentrale Rolle in der Organisation und Mobilisierung der NS-Bewegung in ganz Berlin. In manchen richtete sich die SA in Vereins- und Hinterzimmern ein, während der normale Schankbetrieb weiterlief. Es gab jedoch auch Sturmlokale, die ihren Charakter als öffentliche Orte fast vollständig aufgaben, wie das Lokal „Zur Hochburg“ des „Sturm 24“ in der Gneisenaustraße 17, dessen Eingang von SA-Männern bewacht wurde.
Ein besonders berüchtigtes Sturm- und Verkehrslokal in Kreuzberg war das Restaurant „Wiener Garten“ in der Wienerstraße 10. Bereits im Februar 1930 beschmierte eine Stammtischgesellschaft dieses Lokals die Synagoge am Kottbusser Ufer, die heutige Synagoge Fraenkelufer. Im „Wiener Garten“ verkehrte der SA-Sturm 27, zeitweise auch der Sturm 5, den der von den Nazis zum Märtyrer stilisierte Sturmführer Horst Wessel anführte.
Auch vor kirchlichen Einrichtungen machte das NS-Regime keinen Halt. So wurde der Luisenstädtische Friedhof am Südstern zum „Hauptfriedhof der Bewegung“ umgewidmet. Nach seiner Eröffnung 1831 hatte der Luisenstädtische Friedhof noch als Ruhestätte für Prominente wie Gustav Stresemann gedient. Die Nationalsozialisten waren jedoch überaus produktiv bei der Schaffung von Erinnerungs- und Identifikationsstätten, die zur ideologischen Gleichschaltung genutzt und sakralisiert wurden. Der zuständige Pfarrer Johannes Wenzel war dabei als Sympathisant der NS-Bewegung von großer Hilfe und förderte die Verbindung von Teilen der protestantischen Kirche mit der NS-Diktatur. Schon ab 1931 wurden auf „seinem“ Friedhof hitlertreue Parteigenossen beerdigt: 15 SA-Männer, vier SS-Männer und ein Hitlerjunge, die zumeist in die „Ehrenliste der Ermordeten der Bewegung“ aufgenommenen wurden. Viele von ihnen waren im „Kampf um die Straße“ gegen Aktive und Sympathisanten der Arbeiterbewegung ums Leben gekommen, manche wurden aber auch durch Schüsse der eigenen Leute getötet oder begingen Selbstmord.
In Kreuzberg befanden sich zudem ca. 365 Lagerstandorte für Zwangsarbeiter:innen aus Russland, Kroatien oder Italien, u. a. am Mehringdamm (damals Belle-Alliance-Str.), in der Blücher- und Kreuzbergstraße, dem Marheinekeplatz und der Möckernstraße. In der Kommandantenstraße befand sich ein Lager der Siemens-Schuckert Werke für 40 jüdische Mädchen. Einige Lager wurden bei Bombenangriffen zerstört. Es gab etliche Tote unter den Lagerinsassen. 3000 der insgesamt 30.000 Zwangsarbeiterlager im NS-Staat befanden sich in Berlin.
Ein Gebäudekomplex auf dem Prinz-Albrecht-Gelände in Kreuzberg beherbergte ab 1933 die Spitze der Gestapo, später auch die Zentrale des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS und die SS-Führung. 1939 kam das Reichssicherheitshauptamt hinzu. Das Areal wird deshalb heute als „Ort der Täter“ bezeichnet. Die Prinz-Albrecht-Straße 8 (heute: Niederkirchnerstraße) gehörte während des NS-Regimes zu den gefürchtetsten Adressen in Berlin. Unter den rund 15.000 Inhaftierten waren Widerstandskämpfer wie Dietrich Bonhoeffer, Helmut James Graf von Moltke, Kurt Schumacher und Karl Mierendorff oder der Hitler-Attentäter Georg Elser.
Erst Ende der 1970er Jahre wurde der historische Ort „wiederentdeckt“. Eine 1989 vom Berliner Senat eingesetzte Fachkommission empfahl die Errichtung eines Dokumentations- und Besucherzentrums. Freigelegte Gebäudereste sollten erhalten bleiben. Auch dank großen bürgerschaftlichen Engagements für das Projekt „Topographie des Terrors“ wurde zwischen 2007 und 2010 das neue Dokumentationszentrums geschaffen. Im Gebäude befindet sich die Dauerausstellung „Topographie des Terrors. Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt in der Wilhelm- und Prinz-Albrecht-Straße“. Das Gelände der Gedenkstätte ist vom Möckernkiez aus in wenigen Minuten zu erreichen.
Gleiches gilt für die Gedenktafel für ermordete Widerstandsleistende des Bezirks aus dem Jahr 1947 – sie befindet sich im Rathaus Yorckstraße (an einer schlecht ausgeleuchteten Stelle, s. Foto).
Text und Foto: Norbert Peters