Eine Lesung der besonderen Art fand am Montag dieser Woche im Forum Möckernkiez statt, das bis auf den letzten Platz gefüllt war: Der Historiker und Politikwissenschaftler Jan Gerber las aus seinem Buch „Das Verschwinden des Holocaust“. Der Titel klingt verwirrend, ist doch der Umgang mit der NS-Vergangenheit, speziell dem Völkermord an den Jüdinnen und Juden im deutschen Herrschaftsbereich, nahezu allgegenwärtig.
Gerber stellt dem entgegen; „Der Wille und die Fähigkeit, zwischen Antisemitismus und Rassismus, dem Nationalsozialismus und den Kolonialregimes, dem Holocaust und anderen Untaten zu differenzieren, schwinden, Begriffe erodieren, das Unterscheidungsvermögen und die Urteilskraft lassen nach.“ Diese undifferenzierte Sichtweise habe eine lange Vorgeschichte. Selbst die Philosophen Jean-Paul Sartre oder Simone de Beauvoir hätten für die „jüdische Katastrophe“ und deren Sinnlosigkeit zunächst keine Begriffe gefunden.
Gerber selbst bezeichnet die Vernichtungspolitik gegen die jüdische Bevölkerung im Herrschaftsbereich des Nationalsozialismus als „präzedenzlos“ und zieht diese Definition dem Begriff Singularität vor. Es gebe kein weiteres welthistorisches Ereignis von dieser furchtbaren Dimension, das mit der Judenvernichtung vergleichbar sei. Es sei und bleibe letztlich unbegreiflich. Trotzdem oder gerade deshalb sei es unverzichtbar, sich weiter darum zu bemühen, zumindest „Bruchstücke der Erkenntnis“ zu ermitteln.
Einen Beitrag zu diesem Prozess will weiterhin auch die AG Erinnerungsort Gleis 1 im Möckernkiez mit ihrer Weiterarbeit am Thema „NS-Alterstransporte“ vom Anhalter Bahnhof nach Theresienstadt von 1942 bis 1945 leisten. Diese Zielsetzung wurden von allen Teilnehmer:innen an der von Karl Bubenheimer und Norbert Peters moderierten Lesung mit Beifall bedacht. Auch der Referent des Abends erhielt verdienten Applaus.
Jan Gerber: »Das Verschwinden des Holocaust«. Edition Tiamat, Berlin 2025, 336 S., 28 €
Text: Norbert Peters
Fotos: Stefanie Elmendorff

