Einladung zur Installation „Brief der Jüdin“
Installation von Christine Berndt am 2. August von 18 – 21 Uhr im Möca und im Besprechungsraum des Möckernkiezes als Veranstaltung der AG Erinnerung Gleis 1.
Mit dem Werk „SchriftZug“ von Christine Berndt (Gedichtzeilen auf Gleisen, auf denen 1942 bis 1944 mindestens 9600 jüdische Bürger Berlins Richtung Theresienstadt deportiert worden waren) wurde am 18. Juli 2025 der Erinnerungsweg Gleis 1 vom Anhalter Bahnhof zum Erinnerungsort Weichenumleger im Möckernkiez eröffnet. Neben vielen anderen war die Nobelpreisträgerin Herta Müller, von der Christine Berndt Zeilen auf die Gleise montiert hatte, zur Eröffnung gekommen. Dass einige Tage vorher an dieser Stelle eine Birke über die Gleise gestürzt war, jagte der Nobelpreisträgerin, wie sie sagte, einen Schauder über den Rücken, wie das ganze Werk auf dem Erinnerungsweg Gleis 1. Nun zeigt Christine Berndt am 2. August von 18 – 21 Uhr im Möca und im Besprechungsraum für Wohngenossinnen und Wohngenossen des Möckernkiezes ihre Installation „Brief einer Jüdin“. Es ist das dritte Mal, dass diese Installation in Berlin zu erleben ist – nachdem sie 2005 zum ersten Mal in Berlin in der 2YK Galerie, 2012 in der Galerie weißer Elefant und 2006 in Aukland (Neuseeland) aufgeführt wurde, 2007 im Iran geplant, aber abgesagt worden war und 2018 im Goethe-Institut Neu-Delhi, Indien, zu erleben war.
In dem privaten Nachlass von Dr. Gunhild Korfes, Tochter des Wehrmachtgenerals Dr. Korfes, fand Christine Berndt die maschinenschriftliche Transkription eines Briefes, den eine Bewohnerin des Ghettos von Tarnopol (heutige Ukraine) an ihre Verwandten richtete. Die Urheberin des Briefes konnte nach Christine Berndts umfangreichen Recherchen als eine Salomea (Shlomit Rahel) Ochs, geb. Luft ermittelt werden. Aus nicht geklärten Gründen gelangte der ursprünglich zwölf handschriftliche Seiten umfassende Brief in die Hände eines russischen Offiziers. Der russische Offizier übergab ihn einem Offizier der deutschen Wehrmacht, dem Oberst Dr. Abel. Dieser Oberst beauftragte die Transkription. Die Transkription übergab der Oberst dem Wehrmachtsgeneral Dr. Korfes. Im Nachlass seiner Tochter fand Christine Berndt den Brief.
Der Brief beschreibt die Vernichtung der Juden im Ghetto von Tarnopol in den Jahren 1943 und 1944. Salomea Luft wurde selbst ermordet. In immer neuen Ansätzen versucht sie vor ihrer Ermordung, das Unfassliche des Geschehens mitzuteilen, dessen Zeugin und Opfer sie war. Das letzte Wort des Briefes lautet „Rache“.
Christine Berndt bat einige Personen, diesen Brief, dessen Inhalt ihnen vor der Lektüre unbekannt war, für sich allein zu lesen und sich dabei filmisch und per angeheftetem Kontaktmikrofon aufnehmen zu lassen. Wo die acht Personen den Brief allein lesen wollten, war ihnen überlassen. Eine fest installierte Videokamera und ein Mikrophon registrierten die Reaktionen der Lesenden während ihrer einsamen Lektüre – die Künstlerin war nicht mit im Raum. Kamera und Mikrophon richten sich also nicht auf ein Vorlesen des Briefes. Kamera und Mikrophon nehmen ausschließlich auf, was der – den Zuschauern der Videoprojektion unsichtbare – Brief in den Körpern der Lesenden an Reaktionen hervorrief.
Die Arbeit „Der Brief der Jüdin“ besteht aus einer Videoprojektion, in welcher alle acht Sequenzen aufeinanderfolgen. Wer will, kann sich den Brief der Jüdin am Tresen des Möca-Cafés ausleihen und im Besprechungsraum für sich lesen. Im Möca selbst kann sich, wer will, mit Christine Berndt und den anderen Teilnehmenden austauschen.
Lothar Emmerich, derzeit Leiter der Goethe-Institute Chicago und Houston schrieb: Auffällig an „Der Brief der Jüdin“ ist die Vielzahl der Übersetzungen, die zwischen dem Brief und dem gezeigten Werk liegen: Da ist der Brief, der handschriftlich verfasst wurde, durch die Hände eines russischen und eines deutschen Offiziers ging, transkribiert wurde, verschwand, wiederentdeckt wurde, jenen Lesenden übereignet wurde, die von Christine Berndt angefragt wurden, und in hermetischer Einsamkeit eine Form der Anteilnahme erlebt, die der Betrachter zwar konstatieren, aber nicht verstehen kann, solange er sich nicht die Mühe macht, dieses Dokument selbst in die Hand zu nehmen.
Die Qualität der Arbeit von Christine Berndt liegt darin, dass sie über all diese Übersetzungen den Betrachter wieder zu einer Ursprünglichkeit der Empfindung zurückführt, die aus dem Sujet resultiert: der Empfindung, einem Unfassbaren gegenüberzustehen. Unter ethischen oder moralischen Gesichtspunkten unfassbar zu sein, eignet den geschilderten Ereignissen und ist Thema des Briefes… Die Arbeit ist frei sowohl von dem unerträglichen Zeigefinger, der uns darauf hinweisen will, dass wir doch nur richtig zu lesen bräuchten, um die Geschichte zu verstehen, als auch frei von jedem (wohl noch schwerer erträglichen) Voyeurismus. Auf formaler Ebene unprätentiös und klar, entwickelt die Arbeit in ihrer inhaltlichen Komplexität eine ungeheure Wucht. Diese ist eine der Erschütterung und der Trauer; Trauer nicht nur über die Schicksale, die in dem Brief geschildert werden, sondern auch über die Irreversibilität von Geschichte.
Trauer, Innehalten in allen Interpretationen und historischen Deutungsversuchen: je gewohnter Erinnerungskulturen werden, umso mehr verschwinden Trauer und Innehalten . Deswegen ist die AG Erinnerungskultur Gleis 1 froh und dankbar, die Installation zusammen mit Christine Berndt am 2. August 2026 zeigen zu können. Der Bundespräsident dankte dem Möckernkiez e.V. und der Genossenschaft für „nachbarschaftliches Engagement vor Ort im Bereich der Erinnerung an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft“. Auf den ersten Blick hat eine inklusive selbstverwaltete Wohngenossenschaft e.G. viele andere Aufgaben als Erinnerung. Aber auf den zweiten Blick hat der Bundespräsident sicher recht. Es gäbe heute an diesem Ort keine Inklusion und Vielfältigkeit betonende soziale Wohngenossenschaft ohne die schreckliche Geschichte dieses Ortes. Die Erinnerung geht immer in die Zukunft ein.
Johann.Behrens@medizin.uni-halle.de für die AG Erinnerung Gleis 1