Im Umfeld unserer Möckernkiez-Genossenschaft gibt es Orte und namhafte Persönlichkeiten, an die erinnert werden sollte. Zu ihnen gehört der ehemalige preußische Minister Eduard Heinrich von Flottwell.
Flottwell – Germanisierer und Modernisierer
Die Flottwellstraße gehört in ihrem östlichen Teil (Nr. 19-45) zu Kreuzberg. Am Gleisdreieckpark mündet sie in die Dennewitzstraße. Benannt ist die Straße nach dem Richter, Verwaltungsjuristen und Staatsminister im Königreich Preußen Eduard Heinrich Flottwell (1786-1865). Dieser war im 19. Jahrhundert mehr als ein Jahrzehnt Oberpräsident der Provinz Posen (vergleichbar der Stellung eines heutigen Ministerpräsidenten).
Zwar war Posen nach den drei Polnischen Teilungen ab 1772 mehrheitlich von Polen bewohnt, stand aber unter preußischer Herrschaft. Flottwells Wirken in der Region von 1830 bis 1841 war so tiefgreifend, dass Zeitgenossen von der „Ära Flottwell“ sprachen.
Flottwell stammte aus Ostpreußen. Seine Berufung zum Oberpräsidenten der Provinz Posen verdankte er der Befürchtung des preußischen Königs, Aufstände von polnischen Freiheitskämpfern im russisch besetzten Teil Polens könnten auf Posen übergreifen. Aufständische Polen wurden sogar von preußischem Boden aus nach Russland ausgeliefert, wo ihnen Erschießung oder Verbannung nach Sibirien drohte.
Zu den von Flottwell durchgesetzten anti-polnischen Maßnahmen gehörte das Verbot der polnischen Sprache in Schulen. (Trotzdem gab es geheimen Unterricht in polnischer Sprache und Kultur.) 1832 wurde Deutsch zur Amts- und Gerichtssprache erklärt. Preußische Distriktkommissare ersetzten die polnische lokale Selbstverwaltung. Der preußische Staat förderte zudem den Ankauf polnischer Güter, um das Land anschließend an Deutsche zu verkaufen. Der Einfluss des polnischen Adels und des katholischen Klerus wurde begrenzt.
Während der Deutschen Revolution 1848/49 gehörte Flottwell zur Fraktion der äußersten Rechten in der Frankfurter Nationalversammlung. 1855 erhielt er den Roten Adlerorden mit Brillanten, 1861 den Schwarzen Adlerorden. Damit verbunden war die Erhebung in den erblichen Adelsstand. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde er Ehrenbürger von Hamburg, Magdeburg und Berlin. Die hiesige Flottwellstraße erhielt 1865 ihren Namen.
Äußerst kritisch beurteilen Sibylle Klosterhalfen und Paul Enck die Politik Flottwells in ihrem Buch „Das Lützow-Viertel“ (Hyyit Verlag, Köln 2022) und regen daher eine Umbenennung der Straße an: „(…) wäre es im Interesse einer guten nachbarschaftlichen Beziehung zu Polen angebracht, darüber nachzudenken, der Flottwellstraße einen neuen Namen zu geben. Ein historisch bewanderter polni-scher Staatsbürger würde eine Absenderangabe aus der Flottwellstraße stets mit Unbehagen auf einen Brief nach Hause schreiben (…)“. Auch in der polnischen Geschichtsschreibung wird die „Ära Flott-well“ als Zeit gezielter anti-polnischer Germanisierungsmaßnahmen und illiberaler Politik verurteilt.
Befürworter seines Kurses streichen den Ausbau der städtischen Selbstverwaltung sowie die Förderung von Mittelstand und selbstständigen Bauern heraus. Flottwell habe Posen modernisiert und die wirtschaftliche Entwicklung der Provinz vorangetrieben. Er selbst reklamierte 1841 für sich, „das entschiedene Hervortreten deutscher Kultur“ bewirkt zu haben. Ein entsprechend mildes Urteil über das Wirken Flottwells in Posen fällt die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen: „Durch Einsatz von Truppen, vor allem aber durch geschickte und versöhnende Verwaltungspolitik gelang es Flottwell, einen Aufstand in Posen zu verhindern.“
Der preußisch-deutsche Geist der Schulpolitik Flottwells in Posen wirkte auch Jahrzehnte nach seinem Tod weiter und sorgte 1901 für einen Skandal: Polnische Schüler weigerten sich, im Unterricht ein deutschsprachiges Religionsbuch zu verwenden und wurden daher von ihren Lehrern „körperlich gezüchtigt“. Empörte Eltern drangen daraufhin in das Schulgebäude ein und bedrohten die Lehrer, was zu Anklagen wegen Haus- und Landfriedensbruchs sowie Widerstands gegen die Staatsgewalt führte.
21 Angeklagte wurden zu Freiheitsstrafen von bis zu 2 ½ Jahren verurteilt. Ein Spendenaufruf für sie brachte binnen Kürze einen sechsstelligen Betrag zusammen. Rosa Luxemburg nahm die Angelegenheit zum Anlass, „im Namen des sozialistischen Proletariats aller Länder (…) höchste Empörung über die preußische Germanisierungspolitik“ zu äußern und das „barbarische Mittel gewaltsamer Unterdrückung der Muttersprache“ auf polnischem Boden zu verurteilen.
Flottwell war zweimal verheiratet. Aus den Ehen gingen zwölf Kinder hervor, von denen er sich kurz vor seinem Tod in einem Brief mit warmen Worten verabschiedete: „Gottes Segen sei mit Euch und wende alles irdische Leiden von Euch!“
Eduard Heinrich Flottwell starb 1865 im Alter von 79 Jahren in Berlin.
Text und Foto: Norbert Peters