Damals war’s: Erstes Feministisches Frauengesundheitszentrum Europas in der Hornstraße 2

Der Kampf gegen den § 218, eröffnet durch das öffentliche Selbstbekenntnis von 374 Frauen im Stern 1971 – „Ich habe abgetrieben und fordere das Recht dazu für jede Frau!“ – wurde zum Auslöser einer neuen feministischen Frauenbewegung.
So öffnete in der Folge das erste Frauengesundheitszentrum (FFGZ) Europas im Januar 1973 seine Pforten in der Kreuzberger Hornstraße 2 in einem ehemaligen Kartoffelladen, initiiert von mehreren Frauengruppen, von „Brot und Rosen“ bis zur „Homosexuellen Aktion Westberlin“. Das Zentrum war als männerfreier Raum gedacht, an der Eingangstür das Symbol der neuen Frauenbewegung, das Venuszeichen mit der Faust. Das Berliner Frauenzentrum blieb stets autonom, also ohne staatliche Finanzierung.
Im November 1973 demonstrierten zwei Ärztinnen aus Los Angeles den staunenden Frauen erstmals eine vaginale Selbstuntersuchung mit dem Spekulum.
Am 9. März 1974 kündigten 14 Ärztinnen eine öffentliche Abtreibung nach der schonenden Absaugmethode an. Einen Monat später fand der angekündigte Schwangerschaftsabbruch mit einer Absaugpumpe im FFGZ statt, gefilmt von einem Kamerateam der Hamburger Redaktion von „Panorama“ und begleitet von Alice Schwarzer. Zur Ausstrahlung kam es nicht, da das Filmdokument auf Betreiben kirchlicher Autoritäten, christdemokratischer Politiker und Ärztefunktionären im letzten Moment zurückgezogen wurde.
Nach und nach gründeten sich Arbeitsgruppen u.a. zu den Themen Selbsterfahrung, Abtreibungsberatung und Kampagnen gegen den § 218, Schwangerschafts- und Sterilisationsberatung, Sexualität, Lohn für Hausarbeit, Frauen gegen Gewalt und Selbstverteidigung. Bisher tabuisierte Gewaltformen gegen Frauen kamen zur Sprache: häusliche Gewalt, Vergewaltigung in der Ehe, sexueller Missbrauch von Kindern.
Aus den Arbeitsgruppen im Berliner FFGZ entstand in der Folge das erste Berliner Frauenhaus und der erste Frauen-Notruf. Die erste Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Mädchen, Wildwasser, folgte 1983.
Ende der 1970er Jahre verlor das FFGZ seine Funktion. Neue Frauen engagierten sich direkt in den aus dem FFGZ hervorgegangenen Projekten wie Frauenbuchläden und Frauengesundheitszentren.
Die Frauenbewegung wurde in Deutschland und im Westen zur stärksten sozialen Bewegung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie veränderte das Leben von Millionen Frauen und Männern, das gesellschaftliche Bewusstsein und die Gesetze.

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