Die Akzisemauer

Die (erste) Berliner Mauer.

Im Umfeld unserer Möckernkiez-Genossenschaft lebten in früheren Zeiten nicht nur namhafte Persönlichkeiten, an die erinnert werden sollte. Auch historisch bedeutsame Orte sind hier zu finden, zum Beispiel in der Stresemannstraße.

Nur wenige Schritte vom Portikus des ehemals prächtigen Anhalter Bahnhofs entfernt, dessen Geschichte als Exil- und Deportationsbahnhof unsere AG „Erinnerungsort Gleis 1“ seit vielen Jahren erforscht, befindet sich ein Überbleibsel der historischen Akzisemauer. Diese umschloss ab Beginn des 18. Jahrhunderts ganz Berlin. Ein Teil davon ist in der Stresemannstraße auf Höhe des Hauses Nr. 64 zu sehen. Auf der einen Seite ist der Mauerrest von Rankpflanzen überwuchert, auf der anderen von Graffiti übersät.

Als Ring um Berlin wurde die Mauer unter dem preußischen König Friedrich Wilhelm I. („Soldatenkönig“) von 1734 bis 1737 errichtet und eineinhalb Jahrhunderte später fast vollständig wieder entfernt. Mehr als die Hälfte ihrer rund 15 Kilometer verlief durch den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Die Akzisemauer hatte keine militärische Bedeutung, sondern diente hauptsächlich der Überwachung des Handels und der Erhebung von Zoll (Akzise) auf eingeführte Waren. Die Mauer war bis zu 4,20 Meter hoch. Es gab fast 20 Tore, darunter drei Wassertore zur Kontrolle der Schiffseinfuhren. Die Namen mancher Tore sind bis heute im Berliner Stadtplan verzeichnet, darunter das Brandenburger Tor, das Schlesische oder das Cottbusser Tor. Das bekannteste Wassertor befand sich an der heutigen Oberbaumbrücke.

Juden durften die Stadt im Norden nur durch das Rosenthaler Tor, im Süden durch das Hallesche Tor betreten und wurden dort registriert. Die Stadtmauer sollte aus- und einreisende Personen kontrollieren und hatte auch eine soziale Kontrollfunktion: Wer nach Herkunft oder Erscheinung nicht ins Stadtbild passte, musste bei Einbruch der Dunkelheit die Stadt verlassen. Viele Ankömmlinge siedelten sich daher dauerhaft jenseits der Stadtmauer an, wo manche Elendsquartiere entstanden.

Die Mauer sollte zudem Soldaten am Desertieren hindern. Unzufriedenheit über mangelhafte Verpflegung und Ausstattung, Willkür von Vorgesetzten sowie die alltägliche Züchtigung mit dem Stock weckten die Bereitschaft zur Desertion aus der preußischen Armee. Während der Regentschaft Friedrich Wilhelms I. verließen trotz drohender Todesstrafe fast 20 Prozent der preußischen Soldaten heimlich ihre Einheiten. „Begnadigungen wurden allerdings häufig gewährt, die Todesstrafe war dann das höchste Strafmaß. Mitunter mussten mehrere gefasste Deserteure durch (…) das Los einen der ihrigen bestimmen, der dann hingerichtet wurde. Stark verbreitet waren im 18. Jahrhundert die ´Generalpardons`, befristete Amnestien, die es Deserteuren ermöglichen sollten, straffrei in ihre Regimenter zurückzukehren.“ (Martin Cüppers, Desertion in der preußischen Armee des 18. Jahrhunderts, München 1999)

Die Zollgrenze bestand überwiegend aus Holzpalisaden und war nur zum Teil gemauert. Mit dem rapiden Wachstum Berlins verloren die Akzisemauer und die Tore im 19. Jahrhundert immer mehr an Bedeutung. Als einziges früheres Akzisetor ist das Brandenburger Tor erhalten geblieben und wurde zum Wahrzeichen der Stadt. Die anderen Tore wurden weit vor der Stadtgrenze an den Zufahrtsstraßen zu Berlin durch Akzise- oder Steuerhäuser ersetzt. Nach Abbruch der Mauerreste wurden die Steine versteigert oder für andere Bauwerke verwendet. Auch die ersten Bahnhöfe der im 19. Jahrhundert entstehenden Eisenbahn wurden meist außerhalb der Stadtmauer errichtet. Es handelte sich um Kopfbahnhöfe, die den Endbahnhof einer neu erbauten Eisenbahnlinie bildeten. Zu ihnen gehörte seit 1841 auch der Anhalter Bahnhof.

Dass heute Reste der Berliner Akzisemauer von 1732 zu sehen sind (s. Foto), ist vor allem den Bemühungen des Architekten und Denkmalschützers Dr. Helmut Maier zu verdanken. Dieser erhielt 1986 vom Bezirk Kreuzberg auch den Auftrag zu einer ersten Instandsetzung des Portikus des Anhalter Bahnhofs. Bauteile und Schmuckelemente dieses Bahnhofs sind heute im Deutschen Technikmuseum am Rand des Gleisdreieckparks zu entdecken. Bei dem Relikt der Akzisemauer in der Stresemannstraße handelt es sich um einen Nachbau, der auf die Grundmauer des Originals gesetzt wurde. 2021 widmete das Friedrichshain-Kreuzberg Museum (FHXB) dem Thema Akzisemauer eine Ausstellung.

Text und Foto: Norbert Peters