Im Umfeld unserer Möckernkiez-Genossenschaft lebten in früheren Zeiten namhafte Persönlichkeiten, an die erinnert werden sollte. Zu ihnen gehören zwei Angehörige der Familie Yorck zu Wartenburg.
Wie die parallel verlaufende Obentrautstraße, nach einem General benannt, hat auch die Kreuzberger Wartenburgstraße einen militärischen Bezug. Bei Wartenburg an der Elbe (heute eine Gemeinde in Sachsen-Anhalt) fand 1813 ein Gefecht statt gegen Napoleons Truppen, in dem diese von Preußen und seinen Verbündeten besiegt wurden

Im Dezember 1812 hatte Johann David Ludwig Graf Yorck (später: von Wartenburg) ohne Einwilligung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. mit Russland die Konvention von Tauroggen abgeschlossen, einen Waffenstillstand zwischen dem preußischen Hilfskorps für Napoleons Truppen und der russischen Armee. Diese Konvention gilt als das Fanal für die preußische und spätere europäische Erhebung gegen Napoleon – die sogenannten Befreiungskriege. Nach mehreren großen Schlachten, u. a. an der Katzbach, bei Möckern und der „Völkerschlacht“ bei Leipzig, war Napoleons militärisches Schicksal besiegelt. Allein nach der Schlacht bei Leipzig waren über 90.000 tote Soldaten zu beklagen.
Mit seinem eigenmächtigen Ausscheren aus dem Bündnis mit dem französischen Kaiser hatte Yorck (1759-1830) seinen Kopf riskiert. Der König war zunächst „außer sich vor Wut“. Auf „Insubordination“ und „Hochverrat“ eines Generals galt die Todesstrafe. Gegenüber dem König rechtfertigte Yorck seinen Alleingang mit den Worten: „Jetzt oder nie ist der Moment, Freiheit, Unabhängigkeit und Größe wiederzuerlangen.“ Bei seiner Rückkehr nach Berlin im Frühjahr 1813 wurde Yorck von der Bevölkerung mit frenetischem Jubel empfangen. Im Jahr darauf erhob der König Yorck mit dem Namenszusatz „von Wartenburg“ in den Grafenstand. 1868 erhielt ihm zu Ehren die Wartenburgstraße den noch heute existierenden Namen. Auch die „vor unserer Haustür“ verlaufende Yorckstraße wurde nach Johann David Ludwig Yorck benannt.
(Der „Yorckplatz“ vor dem Fahrradgeschäft Ampler und dem italienischen Café ist allerdings nur eine interne Möckernkiez-Sprachschöpfung, die sich in keinem Straßenverzeichnis finden lässt. Weil sich der Platz in unserem Besitz befindet, wäre es aussichtslos, beim Bezirksamt Kreuzberg eine von manchen im Möckernkiez gewünschte Umwidmung zu beantragen, um dem Platz eine weniger militärische Prägung zu geben.)
Ein anderer berühmter Spross der Familie war Peter Graf Yorck von Wartenburg (1904-1944), der Ur-Urenkel des Generalfeldmarschalls. Nach Abitur und Jura-Studium trat Yorck in den Staatsdienst ein. Trotz fachlicher Kompetenz kam er in seiner Laufbahn kaum voran, weil er sich weigerte, der NSDAP beizutreten. Ab Ende 1939 nahm er an den Gesprächen des Kreisauer Kreises teil. Helmuth James Graf von Moltke hatte Peter von Yorck den Kontakt zu dieser Widerstandsgruppe vermittelt. Die Freunde entwarfen Pläne für ein demokratisches Nachkriegseuropa und beteiligten sich schließlich am Umsturzversuch des 20. Juli 1944. Der Attentäter Stauffenberg war Yorcks Vetter.
Im Verhör nach seiner Verhaftung bekundete Yorck, die Verfolgung der Juden sowie die Praktiken deutscher Besatzung im Osten hätten seine Widerstandsbereitschaft geweckt. Allerdings hatte er sich selbst ab 1942 im Wirtschaftsstab Ost an der wirtschaftlichen Ausbeutung der besetzten sowjetischen Gebiete beteiligt. Diese Gleichzeitigkeit von Verwicklung in das NS-System und bedingungslosem Widerstand ist, so der Journalist Bernd Ulrich, typisch für viele konservative Adlige im Widerstand, könne aber den Respekt für ihren Mut und ihre persönliche Entschlossenheit nicht schmälern.
Im Abschiedsbrief aus der Todeszelle an seine Mutter bekundet Yorck seine patriotische Gesinnung: „Am Ende eines an Liebe und Freundschaft überreich gesegneten Lebens habe ich nur Dank gegen Gott und Demut unter Seinen Willen. Daß ich Dir diesen Kummer bereite, ist mir ein sehr großer Schmerz (…). Ich bitte Dich, mir das von ganzem Herzen zu vergeben. (…) Es waren (…) meine vaterländischen Gefühle, die Sorge um mein Deutschland (…). Vielleicht kommt doch einmal die Zeit, wo man eine andere Würdigung für unsere Haltung findet, wo man nicht als Lump, sondern als Mahnender und Patriot gewertet wird.“
Von seiner Frau Marion verabschiedet er sich mit den Worten: „(…) sterbe ich den Tod fürs Vaterland. Wenn der Anschein auch (…) schmachvoll ist, – ich gehe aufrecht und ungebeugt diesen letzten Gang, und ich hoffe nur, daß Du darin nicht Hochmut und Verblendung siehst.“
Peter Graf Yorck von Wartenburg wurde nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 als „Verschwörer“ vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 8. August 1944 in der Hinrichtungsstätte Plötzensee erhängt.
Text und Foto: Norbert Peters