Lesung: „Briefe aus der Hölle“


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Berichte von Überlebenden über ihre Leidenszeit in NS-Konzentrations- und Vernichtungslagern gibt es viele. Die Aufzeichnungen des polnischen Juden Salmen Gradowski haben jedoch ein Alleinstellungsmerkmal – sie wurden schon während seines Aufenthalts im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verfasst – als Zeugnis für die Nachwelt, in vollem Bewusstsein des kurz bevorstehenden eigenen Todes.
Gradowski hatte die Ermordung seiner ganzen Familie miterleben müssen und war Mitglied eines der „Sonderkommandos“, deren Mitglieder gezwungen wurden, die Leichen der während der Transporte Gestorbenen aus den Zügen zu holen, bei den noch lebenden Opfern für das Auskleiden und den Gang in die Gaskammern zu sorgen, ihr Gepäck und ihre Kleidung zu sortieren, die Leichen zu verbrennen, noch vorhandene Knochenreste zu zerschlagen, die Haare der Frauen abzuschneiden und zu säubern, Zahngold aus den Mündern zu brechen. Nach kurzer Zeit wurden die Mitglieder der Kommandos selbst ermordet, damit keine Zeugen Auskunft über ihre Beteiligung an der mörderischen Arbeit erteilen konnten.
Salmen Gradowski setzte sich zur Wehr, indem er heimlich aufschrieb, was er mit eigenen Augen ansehen musste. Er versiegelte und vergrub seine Aufzeichnungen für die Nachwelt. Diese wurden erst 1980 gefunden und in mühseliger Kleinarbeit entziffert, transkribiert und veröffentlicht. In eindringlichen Worten schildert er seine Motivation:
„Lieber Leser, diese Worte schreibe ich in der Zeit meiner größten Verzweiflung. Ich weiß nicht, und glaube auch nicht, dass ich die hier geschriebenen Zeilen irgendwann (…) noch lesen werde. Wer weiß, ob ich das Glück haben werde, das tiefe Geheimnis, das ich in meinem Herzen trage, irgendwann vor der Welt enthüllen zu können. (…) Ich wäre aber glücklich, wenn meine Schriften zu Dir gelangten, Du freier Bürger der Welt. Vielleicht wird sich ein Funke aus meinem innerlichen Feuer in Dir entzünden, und Du wirst mindestens einen Teil unseres Willens erfüllen: Du wirst uns rächen, rächen an den Mördern!“
Salmen Gradowski kam am 7. Oktober 1944 bei einem Aufstand vor dem Krematorium IV im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ums Leben.
Die Lesung am 31. Mai mit Auszügen aus den Berichten Gradowskis findet im Rahmen des 2026 zum ersten Mal bundesweit durchgeführten Ehrentages statt – ausgerufen vom Bundespräsidenten und umgesetzt von der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt, die sich bei Ehrenamtlichen, zu denen auch die Möckernkiez-AG Erinnerung Gleis 1 gehört, dafür bedankt, dass sie das demokratische Miteinander in der Nachbarschaft und überall fördern.
Die Texte werden vorgetragen von Sabine Wallraf-Rüttgers. Die historische Einordnung und Moderation übernimmt Norbert Peters. Zum Beginn der Veranstaltung wird eine kurze Hörfunk-Passage zum Buch „Briefe aus der Hölle“ präsentiert, das auf Gradowskis Notizbüchern basiert.
Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass es sich bei den vorgestellten Texten um zum Teil schwer erträgliche Schilderungen handelt.
Der Eintritt ist frei.
Spenden für die weitere Arbeit der AG Erinnerung Gleis 1 sind willkommen.
Norbert Peters