Veranstaltung im Möckernkiez im Zuge des „Ehrenamtstages“ 2026 – eine Nachlese

Bis auf den letzten Platz gefüllt war das Forum der Möckernkiez eG bei der kürzlichen Lesung „Briefe aus der Hölle“, die im Rahmen des vom Bundespräsidenten Steinmeier aufgerufenen Ehrenamtstages 2026 stattfand. Unter dem Dach des Möckernkiez e.V. hatte die ehrenamtliche AG Erinnerung Gleis 1 eingeladen, um über das entsetzliche Geschehen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zu berichten. Dorthin, wie auch zum Ghettolager Theresienstadt, hatte die AG Erinnerungsort in den letzten Jahren bereits mehrere Studienreisen für die Bewohnerschaft der Möckernkiez-Genossenschaft unternommen.

Die von Sabine Wallraf-Rüttgers eindrucksvoll vorgetragenen Auszüge aus den Aufzeichnungen des polnischen Juden Salmen Gradowski sorgten im Publikum für atemlose Stille und tiefe Betroffenheit. Gradowski, geboren 1908 oder 1909, Sohn eines Rabbiners und Tuchhändlers in Suwalki, wurde im Dezember 1942 in einem Zug mit 1000 Menschen nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo 769 von ihnen umgehend ermordet wurden – darunter sämtliche Familienmitglieder Gradowskis. Er selbst wurde zur Arbeit in einem „Sonderkommando“ gezwungen, das die traurige Aufgabe hatte, die Opfer aus den Zügen in die Gaskammern zu treiben und ihre sterblichen Überreste zu beseitigen.

In seiner historischen Einordnung der Ereignisse wies Norbert Peters darauf hin, dass die Mitglieder der Sonderkommandos nach einiger Zeit selbst ins Gas geschickt wurden, damit keine Zeugen Auskunft über das verbrecherische Geschehen geben konnten. Gradowski allerdings führte heimlich Tagebuch darüber. Es gelang ihm, seine Notizzettel mit Hilfe einiger Eingeweihter in Trinkgefäßen zu verstecken, sie zu versiegeln und vor Ort zu vergraben, wo sie nach dem Krieg geborgen und entziffert werden konnten. Der russische Historiker Pavel Polian hat darüber das Buch „Briefe aus der Hölle“ verfasst, das als eine Grundlage für den Lesetext im Forum diente.

Salmen Gradowski, der schon in jungen Jahren davon geträumt hatte, Schriftsteller zu werden, gehörte in Auschwitz zu den Häftlingen, die sich nicht „wie die Schafe zur Schlachtbank“ führen lassen wollten. Er beschreibt daher einzelne heroische Verweigerungen und Widerstandshandlungen im Lager und findet dafür zutiefst anrührende Worte, die darauf schließen lassen, dass aus ihm ein großer Schriftsteller hätte werden können.

Am 8. März 1944 wurden in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau die gefangenen Bewohner des „Theresienstädter Familienlagers“ ermordet – 5000 Frauen, Kinder und Männer. Salmen Gradowski erlebte diesen Massenmord hautnah. Tief erschüttert rief er Mithäftlinge dazu auf, einen Aufstand gegen die SS-Wachmannschaften zu organisieren. Weil die Mitglieder der Sonderkommandos bei vielen Leidensgenossen aber als privilegierte Handlager der Deutschen galten, als „Archetypen jüdischer Kollaborateure“, zerschlugen sich Gradowskis Pläne zunächst. Erst am 7. Oktober 1944 trafen sich die Anführer der Untergrundbewegung wegen einer bevorstehenden Selektion im Krematorium II und beschlossen, sich zu widersetzen. Es gelang ihnen, drei SS-Männer zu töten, 20 von ihnen zu verwunden und eines der vier Krematorien in Brand zu setzen, das danach nicht wieder benutzt werden konnte. Nahezu alle Aufständischen wurden erschossen, darunter auch Salmen Gradowski. Der Aufstand in Auschwitz-Birkenau war eine der wenigen großen aktiven Widerstandshandlungen gegen die NS-Vernichtungspolitik in den Lagern selbst.

Gradowskis Aufzeichnungen sind allein schon deswegen ein einmaliges authentisches Dokument, weil sie, anders als die nach dem Kriegsende verfassten Berichte Überlebender, schon während des schrecklichen Geschehens im Lager aufgezeichnet wurden. In ihnen zeigt sich Gradowski neben allem Mitgefühl in der Beschreibung des Loses der unschuldigen Opfer zugleich als entschlossener Widerständler, der im vollen Bewusstsein seines bevorstehenden Todes zum Kampf sowie zur Rache an den Tätern aufruft.

(Der unqualifizierte Versuch einer Zuhörerin, am Ende der Lesung das Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten mit Millionen von unschuldigen Opfern durch Verweis auf den aktuellen Krieg in Nahost zu relativieren, wurde übrigens von den übrigen Teilnehmenden an der Lesung unisono mit Empörung zurückgewiesen.)

Die ehrenamtliche Arbeit der AG Erinnerung Gleis 1 findet in diesem Jahr ihre Fortsetzung in zwei weiteren öffentlichen Lesungen mit Bezug zum Thema NS-Geschichte, mit Filmen, Konzerten, der erneuten Reinigung von Stolpersteinen im Umfeld des Möckernkiezes und einer weiteren Studienreise.

Text: Norbert Peters

Foto: Stefanie Elmendorff