Im Umfeld unserer Möckernkiez-Genossenschaft gibt es Orte und namhafte Persönlichkeiten, an die erinnert werden sollte. Zu ihnen gehört der Revolutionär Kurt Eisner. (Auch sein gleichnamiger Sohn soll hier demnächst porträtiert werden.)
„Es bedrängt mich eine trübe Ahnung“
Den wenigsten dürfte bekannt sein, dass der revolutionäre Sozialist Kurt Eisner ein waschechter Berliner war, bringt man ihn, den kurzzeitig bayrischen Ministerpräsidenten, doch in der Regel mit dem Süden Deutschlands in Verbindung, wo er bis zu seiner Ermordung politisch aktiv war.
Kurt Eisner kam am 14. Mai 1867 in Berlin zur Welt. Sein Vater Emanuel hatte Unter den Linden ein Geschäft und war „Hoflieferant für Militäreffekten und Orden“. Die Verbindung des Vaters zum Militär und die bürgerlich-konservativen Ideale des Elternhauses weckten in Kurt schon früh rebellische Gedanken und Sympathien für die sozial und pazifistisch ausgerichtete Arbeiterbewegung.
Beruflich entschied Eisner sich für den Journalismus und war lange Jahre Mitglied der Redaktion der sozialdemokratischen Parteizeitung „Vorwärts“. Politisch schloss er sich 1898 der Arbeiterpartei an. 1907 führte ihn sein Weg erstmals nach Bayern, zunächst nach Nürnberg, dann nach München, wo er jeweils als Zeitungsredakteur arbeitete. Bei Beginn des Ersten Weltkrieges begrüßte er, wie die meisten Sozialdemokraten, die Kriegskredite. Schon bald entwickelte er sich aber zu einem überzeugten Pazifisten und wechselte 1917 zur USPD.
In Berlin wohnte der bekennende Kriegsgegner Eisner sechs Jahre lang ausgerechnet in einer nach seinem Tod nach einem General benannten Straße – in der heutigen Obentrautstraße Nr. 53, zwei Querstraßen vom Möckernkiez entfernt. Die vormalige Teltower Straße wurde 1936 von den Nationalsozialisten nach dem General Hans Michael Elias von Obentraut umbenannt, der im Dreißigjährigen Krieg Reiterregimenter anführte und 1625 durch eine Kugel getötet wurde.
Das gleiche Schicksal ereilte Kurt Eisner. Er wurde am 21. Februar 1919 von Anton Graf Arco-Valley auf dem Weg in den Bayrischen Landtag durch zwei Schüsse ermordet. Als Motiv für seine Tat gab der streng katholische und monarchistisch eingestellte Attentäter an, die durch Eisner angeblich verletzte Ehre des bayerischen Volkes wiederherstellen und ein Ausbreiten von Bolschewismus und Anarchie ver¬hindern zu wollen.
Arco wurde am 15. Januar 1920 zum Tode verurteilt. Aber selbst der Staatsanwalt offenbarte seine Sympathien für den Angeklagten, sah in dem Täter gar ein Vorbild: „Wäre unsere Jugend insgesamt von solch glühender Vaterlandsliebe beseelt, wir hätten Hoffnung, mit froher Zu¬versicht der Zukunft unseres Vaterlandes entgegenzusehen“. Bereits zwei Tage nach dem Urteil begnadigte man Arco-Valley zu lebenslanger Festungshaft, aus der er schon 1924 entlassen wurde, nachdem er vorher als Freigänger Vergünstigungen genossen hatte. 1927 wurde Arco-Valley endgültig begnadigt.
Nach einem Munitionsarbeiterstreik in München im Jahr 1918 war Eisner für mehrere Monate inhaftiert gewesen. Streiks wie diese wurden von den rechten Feinden der Republik nach Kriegsende zum Anlass genommen, die Dolchstoßlegende zu propagieren, wonach das angeblich „im Felde unbesiegte“ deutsche Heer hinterrücks durch die streikende Heimatfront in die Niederlage getrieben worden sei und damit die Verantwortung für den schmachvollen Vertrag von Versailles zu tragen habe. Eine Geschichtsverfälschung, die später von den Nationalsozialisten massenwirksam verbreitet wurde.
Der Streikanführer Kurt Eisner wurde am 8. November 1918 durch die Arbeiter und Soldaten Münchens zum ersten bayerischen Ministerpräsidenten gewählt. Als dieser forderte er das Ende der Monarchie und rief den „Freistaat Bayern“ aus.
Eisner war zwar Jude, bezeichnete sich jedoch als Atheisten. Für seine politischen Gegner von der Rechten war er trotzdem gleich dreifach stigmatisiert: als Sozialist, als „Preuße“ und eben als Jude. Er ließ sich trotzdem nicht von seinem revolutionären Kurs abbringen: „(…) die heutige Regierung weiß, dass es überhaupt nur einen Zukunftsgedanken gibt, einen aufbauenden Gedanken, den Sozialismus!“ (Rede USPD-Parteitag 12.12.1918. Protokoll: „Bravo! Sehr richtig! Beifall!“)
Diese Visionen für eine bessere Welt standen im Kontrast zum Pessimismus Eisners über sein persönliches Schicksal: „Es bedrängt mich eine trübe Ahnung, als ob sich mein Schicksal bald vollenden könnte, aber ich kann nicht anders. Ich könnte niemals mehr frei atmen, wenn ich nicht täte, was ich für meine Pflicht halte.“ (Brief an seine Frau vom 10. Januar 1918)
Nach Kurt Eisners Ermordung wurde im April 1919 zweimal die Bayrische Räterepublik ausgerufen, für die der Literaturwissenschaftler, Romanist und Politiker Victor Klemperer nur Hohn und Spott übrighatte: „Hölle der Lächerlichkeit“. Beide Aufstände wurden blutig niedergeschlagen. Rund 2000 vermeintliche oder tatsächliche Anhänger der Räterepublik wurden von Freikorps-Soldaten inhaftiert, von Standgerichten zum Tode verurteilt oder unmittelbar erschossen. Dabei ging man „mit besonderer Brutalität gegen Arbeiter und unbeteiligte Zivilisten vor.“ (W. Mühlhausen, Das Weimar Experiment) Für den Historiker Hans-Ulrich Wehler waren die Versuche, eine Räterepublik zu errichten, „durch und durch illusionäre Wunschträume“ und „zum Scheitern verurteilt“.
An der Trauerfeier in München zu Ehren Kurt Eisners sollen 100.000 Menschen beteiligt gewesen sein. Über Eisners Beisetzungsstätte wurde 1922 ein Denkmal errichtet, das zugleich an die Toten der Revolution erinnerte. Konservative und nationalistische Rechte im Münchner Stadtrat beschlossen schon 1933 dessen Zerstörung.
Während es in den neuen Bundesländern neun nach Eisner benannte Straßen gibt, verhindert man in München einen Kurt-Eisner-Platz bis heute. Das Hotel Bayerischer Hof in München verweigerte die Anbringung einer Gedenktafel am Haus, auf dessen vormaligem Gelände 1919 die Mordtat geschah. Stattdessen wurde auf dem Gehweg davor eine Bodenplatte angebracht. Der bayrische Ministerpräsident Söder erwähnte auf der Hundertjahrfeier des „Freistaats Bayern“ dessen Namensgeber mit keinem Wort. „Seinen (sic!) Frieden müssen die in Bayern Regierenden also mit Kurt Eisner weiterhin noch schließen.“ (Michael Brenner, Leo Baeck Institut, 13.01.2026)
Text und Foto: Norbert Peters