Raisa Ivanovna

Im Umfeld unserer Möckernkiez-Genossenschaft lebten in früheren Zeiten Menschen, an die erinnert werden sollte. Zu ihnen gehört die ukrainische Zwangsarbeiterin Raisa Ivanovna.

Zwangsarbeit mit 21 Jahren.

Im Eingangstorbogen zum Haus in der Wartenburgstraße 17 befindet sich eine verwitterte Gedenktafel mit Informationen über die ehemalige ukrainische Zwangsarbeiterin Raisa Ivanovna. Durch das Arbeitsamt wurde sie 1942, im Alter von 21 Jahren, einer dort wohnhaften Familie mit vier Kindern als Hausmädchen zugewiesen.

Raisa Ivanovna berichtete nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Brief an ihren Sohn über ihren Einsatz in Deutschland: „Man hat mich Anfang August, Ende September abgeholt. (…) Nach einem Luftangriff (1944) ging ich mit der Hausherrin nach Idar-Oberstein. Dort wurden wir auch ausgebombt. Ich war dann in einem Betrieb, wo ich zwei Monate auf einem Kran gearbeitet habe. Wieder wurde alles zerbombt, und ich wanderte ohne Orientierung umher.“ 1945 wurde sie von den Amerikanern befreit und in ein Lager in Hessen gebracht. Nach wenigen Wochen kehrte sie von dort in ihre Heimat zurück.

In Deutschland wurde Zwangsarbeit lange als Begleiterscheinung von Besatzung und Krieg bagatellisiert. Zwangsarbeitende waren über Jahrzehnte „vergessene Opfer“ des Nationalsozialismus. Nach ihrer Befreiung hatten sich viele von ihnen auf eigene Faust sofort auf den Heimweg gemacht und waren damit aus dem Blickfeld der Deutschen verschwunden. Andere lebten als „Displaced Persons“ oder „Repatrianten“ weiterhin in Lagern und warteten auf ihre Rückkehr. Für manche unter ihnen, insbesondere sowjetische Zwangsarbeiterinnen, war der Leidensweg damit noch nicht beendet. Sie wurden in ihrer Heimat pauschal der Kollaboration mit den Deutschen oder der Prostitution verdächtigt; nicht wenige verschwanden in den stalinistischen Lagern.

Erst die Entschädigungsdebatte fünfzig Jahre nach Kriegsende sorgte schließlich dafür, dass Zwangsarbeitskräfte nicht länger „vergessene Opfer“ waren, sondern in einigen Fällen minimale Entschädigungszahlungen erhielten. Noch 1998 hatte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl alle Ansprüche auf Erstattung abgelehnt: „Wenn Sie glauben, ich würde die Bundeskasse noch einmal aufmachen, dann ist die Antwort nein.“ Die meisten der im deutschen Herrschaftsgebiet Ausgebeuteten litten besonders im Alter unter den psychischen und physischen Folgeschäden des Arbeitseinsatzes. In vielen osteuropäischen Ländern lebten sie oftmals gesellschaftlich ausgegrenzt und am Rand des Existenzminimums.

Allein in Berlin wurden zwischen 1939 und 1945 über 380.000 Zwangsarbeitende eingesetzt, vor allem in kriegswichtigen Betrieben, aber auch, wie Raisa Ivanovna, in privaten Haushalten, in Kleinbetrieben oder in der Landwirtschaft, wo sie die an der Front befindlichen Männer zu ersetzen hatten. Im gesamten Herrschaftsgebiet der Deutschen und ihrer Verbündeten mussten 26 Millionen Menschen Zwangsarbeit leisten.  19,2 Prozent aller Zwangsarbeitskräfte im deutschen Herrschaftsgebiet waren „Ostarbeiter“, überwiegend aus der Sowjetunion und Polen (nach Kreutzmüller/Weigel, in: Berlin im Nationalsozialismus). 60.000 „Arbeitsunwillige“ wurden ab 1940 in „Arbeitserziehungslagern“ so lange „diszipliniert“, bis sie ihren Widerstand aufgaben (nach Christian Simon, in: Feuerland Berlin).

Traurige Berühmtheit erlangte das Schicksal des 16-jährigen Walerjan Wrobel aus Polen, der im April 1941 als landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter in das Deutsche Reich geschickt wurde. Aus Verzweiflung und Heimweh legte er dort auf dem Bauernhof ein Feuer – in der Hoffnung, zur Strafe nach Hause zurückgeschickt zu werden. Nach seiner Einweisung in das Konzentrationslager Neuengamme wurde er von einem Sondergericht zum Tode verurteilt und im August 1942 mit dem Fallbeil getötet, obwohl für eine Tat wie die seine keine Todesstrafe hätte verhängt werden dürfen.

Die über 30.000 ehemaligen Zwangsarbeitslager in Deutschland, davon 600 in Berlin und Umgebung, wurden nach Kriegsende zumeist abgerissen oder als Flüchtlings- oder „Gastarbeiter“-Unterkünfte verwendet. Die Rote Armee rüstete in Sachsenhausen und Buchenwald Baracken zu „Speziallagern“ um. Viele Barackenkomplexe wurden bis in die 1990er Jahre auch gewerblich oder für Wohnzwecke genutzt.

Das gilt ebenfalls für das ehemalige Zwangsarbeitslager Berlin-Schöneweide, heute eine Gedenkstätte. Im dortigen Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit zeigt die restaurierte „Baracke 13“ seit 2006 neben historischen Inschriften im Keller auch Zitate von Zwangsarbeitenden, die über ihre alltägliche Lebenssituation im Lager Auskunft geben. Enge, Hunger, mangelnde Hygiene und Verzweiflung bestimmten ihr trauriges Dasein.

Über Raisa Ivanovnas Schicksal nach der Befreiung ist so gut wie nichts bekannt. Sie starb 1994.

Text und Foto: Norbert Peters